Aschenbrenners Margin Call: Warum der Hebel die KI-These kippte

Startup Insider – Investments & Exits · 11. August 2026

Quelle: Startup Insider – Originalepisode

Leopold Aschenbrenner, 25, Ex-OpenAI, baute auf seinem 165-Seiten-Essay „Situational Awareness" einen Hedgefonds auf, der zuletzt 45 Milliarden Dollar verwaltete — long KI-Infrastruktur, short klassische Software, mit einem Team von zwölf Leuten und Investoren wie den Collison-Brüdern, Nat Friedman und Daniel Gross. Im Juli kippte die Marktdynamik: Der SpaceX-Börsengang saugte Liquidität aus dem Markt, die Ankerposition SK Hynix fiel um fast 50 Prozent, die Banken stellten Margin Calls — und Ken Griffins Citadel übernahm das börsennotierte Buch für 16 Milliarden Dollar mit rund zehn Prozent Abschlag. Björn Rieckhoff und Jan Thomas ordnen ein, warum die Schlagzeile „35 Milliarden verloren" in die Irre führt: Von den 45 Milliarden AUM waren nur rund 11 Milliarden das Kapital der Investoren — der Rest war bankfinanzierter Hebel. Der AUM-Rückgang ist kein Verlustausweis. Und die Kernthese der Episode: Aschenbrenner lag inhaltlich nicht falsch, ihn traf die Marktdynamik zur falschen Zeit — der Hebel kippte das Portfolio, nicht die These. Dazu: die Bewertungs-Asymmetrie zwischen Public und Private Markets und was deutsche Fondsmanager daraus für DPI und Divestment-Strategien lernen sollten.

Kernthemen dieser Episode

  • Vom Essay zum Hedgefonds: 165 Seiten „Situational Awareness" als Gründungsdokument — die Picks-and-Shovels-These (nicht ins Gold investieren, sondern in die Schaufeln), 45 Milliarden Dollar AUM mit einem Team von zwölf Leuten, Investoren wie die Collison-Brüder, Nat Friedman und Daniel Gross.
  • Die Doppelwette: Long KI-Infrastruktur (Speicherchips, Rechenzentren, Stromerzeugung), short Alt-Software wie Adobe. Auf dem Papier eine Absicherung — faktisch dieselbe Wette von zwei Seiten, mit Top-5-Positionen, die über drei Viertel des Portfolios ausmachen.
  • Der Juli-Crash: Der größte Börsengang aller Zeiten (SpaceX) saugt Liquidität ab, die Chip-Rally dreht, die SK-Hynix-Ankerposition fällt um fast 50 Prozent — Margin Calls der Banken zwingen zum Notverkauf: Citadel übernimmt das börsennotierte Buch für 16 Milliarden Dollar mit rund zehn Prozent Abschlag.
  • Der 35-Milliarden-Mythos: Von 45 Milliarden Dollar AUM waren nur rund 11 Milliarden LP-Kapital — der Rest bankfinanzierter Hebel über die Prime Broker. Der AUM-Rückgang ist kein Verlustausweis: Real sind rund 67 Prozent Verlust auf das LP-Kapital. Katastrophal, aber eine völlig andere Geschichte als „35 Milliarden sind weg".
  • Die These bleibt intakt: Aschenbrenner lag mit seinen Investments inhaltlich nicht falsch — ihn traf die Marktdynamik zur falschen Zeit, getriggert durch die Margin Calls. Fünf Tage nach dem Notverkauf investiert er 400 Millionen in Source Foundry. Der Hebel kippt Portfolios, nicht Thesen.
  • Nur Tagespreise lösen Margin Calls aus: Verkauft werden musste das börsennotierte Buch — die unbeliehenen Privatbeteiligungen wie Anthropic blieben. Niemand bewertet sein Ferienhaus jeden Abend neu und ruft deswegen an; ein Public-Markets-Portfolio wird dagegen Tag für Tag eingepreist.
  • Die VC-Parallele: Buchwerte ohne Tagespreis schützen vor erzwungenen Verkäufen — liefern aber auch keine DPI. Wer als Fondsmanager wartet, bis er liquidieren muss, verkauft zum diktierten Preis. Plädoyer für frühzeitige Divestment-Strategien beim Erreichen des Target-Returns statt Prinzip Hoffnung zum Fondsende.
  • SaaS-Ausblick: Multiples-Kompression ja, Flächenbrand nein — viele SaaS-Geschäftsmodelle wandeln sich aus einer Position der Stärke mit planbaren Recurring Revenues; medial wird der Einbruch überzeichnet.

Transkript

Das folgende Transkript wurde für die Lesbarkeit bearbeitet. Inhalt und Aussagen wurden nicht verändert.

Jan Thomas: Björn, hi, freut mich! Ich hoffe, dir geht es gut. Ich habe gerade eben in der Vorbereitung an dich gedacht, weil du ja mal aus Berlin weggezogen bist. Du hast den Hörern, glaube ich, auch schon mal erzählt, dass du ungefähr eine Stunde außerhalb wohnst. Da habe ich mich gefragt: Wie muss sich das für jemanden wie dich anfühlen, wenn man jetzt über Hedgefonds nachdenkt? Das ist doch so ein Stresskino — darauf hat man in der Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch überhaupt keinen Bock, oder?

Björn Rieckhoff: Oh Jan, du stellst mich natürlich hier in so eine Ecke, als würde ich auf einem Brandenburger Bauernhof leben. Du hast aber recht, ich bin an der Mecklenburgischen Seenplatte. Genau — ist noch viel schöner. Es ist sehr, sehr schön. Es gibt auch hier Infrastruktur, es gibt auch smarte Menschen, und es gibt vor allen Dingen sehr stabile, teilweise bessere Internetverbindungen als in Berlin. Aber klar, ich will auch ein bisschen weg von der Wall Street, das muss man schon so sagen.

Jan Thomas: Mir ging es auch um den Stress vor allem, weißt du. Ich habe ja Bilder gesehen — du bist in einer Umgebung, da will man doch nicht die ganze Zeit auf sein Handy gucken und Angst haben, ob das Portfolio gerade wegschmilzt, oder?

Björn Rieckhoff: Nee, gar nicht. Das stimmt schon. Du bist eher am Überlegen, zu welchem Badesee du als Nächstes fährst. Das ist der Luxus, den ich habe — den jeder hier hat. Aber ja, das ist natürlich eine etwas andere Problemdefinition, das stimmt schon!

Jan Thomas: Also vielleicht musst du dem Leopold Aschenbrenner mal ein paar Fotos schicken und sagen: Das Leben kann auch anders aussehen. Und damit gehen wir rein ins Thema, würde ich fast sagen.

Björn Rieckhoff: Damit gehen wir rein ins Thema. Der ist ja auch erst 25. Das ist schon krass, und da denke ich mir: Wenn der in zehn Jahren an der Seenplatte ist und dann mal auf sein Leben zurückguckt — das ist natürlich schon High Frequency, muss man sagen.

Jan Thomas: Und der kennt die Gegend wahrscheinlich ganz gut, weil er ja eigentlich aus Berlin kommt. Und auch bei den Grünen war, glaube ich sogar. Das heißt, wahrscheinlich hat er vom Umland auch schon ein bisschen gesehen.

Björn Rieckhoff: Vermeintlich. Ich weiß das selber gar nicht genau, aber ich weiß, dass er aus Berlin kommt — der war, glaube ich, auf der JFK-Schule. Ich habe das gerade in der Podcast-Vorbereitung recherchiert. Extrem jung jedenfalls, und in den letzten Wochen häufig diskutiert.


Jan Thomas: Ich muss sagen, ich kannte ihn vorher nicht. Also ich habe ihn jetzt nicht erst durch den Absturz kennengelernt, über den wir gleich noch sprechen wollen, aber so richtig auf dem Schirm habe ich ihn wahrscheinlich erst seit vier, sechs Wochen. Du kennst ihn schon ein bisschen länger — oder was heißt kennen: Der Name war dir geläufig.

Björn Rieckhoff: Genau, der Name war mir geläufig, und zwar vor allen Dingen durch ein Essay, das er mal veröffentlicht hatte. Es nannte sich „Situational Awareness" und ist in den Anfangszeiten der KI-Revolution entstanden. Er hat den Lesern eine Orientierung gegeben, wie er als Insider — er war bei OpenAI im Team für KI-Sicherheit angestellt — auf die Entwicklung guckt. Und ich glaube, er war nicht der Einzige, der diesen Schluss gezogen hat, aber er hat in diesem sehr, sehr langen Essay — 165 Seiten sind es, glaube ich — eine Investment-These aufgebaut, in der er im Prinzip dieses Picks-and-Shovels-Modell etabliert hat, über das wir auch schon häufig gesprochen haben. Nämlich die These: Man muss jetzt nicht unbedingt bei den Modellanbietern wie OpenAI oder Anthropic investiert sein. Es geht eigentlich eher darum, dort investiert zu sein, wo die Infrastruktur ist, die die Basis ist, um KI zu bauen — also Speicherchips, Rechenzentren, Stromerzeugung und dergleichen. Du bist also nicht selber im Gold investiert, sondern in den Schaufeln, um das Gold auszugraben.

Jan Thomas: Ja, was total Sinn ergibt — dieses Picks and Shovels hören wir ja immer wieder. Und du sagst gerade, er ist Insider, das ist allgemein spannend. Er war bei OpenAI, da ist er nicht mehr, aber seine Freundin oder mittlerweile, glaube ich, Frau ist ja auch in der Szene sehr bekannt.

Björn Rieckhoff: Ehrlicherweise — da gab es zuletzt relativ viele Boulevardartikel drüber: Zu der Zeit, in der sein Fonds abgeschmiert ist, war er auf seiner Hochzeit und dergleichen. Ich habe mir sein Familienleben ehrlich gesagt nicht angeschaut.

Jan Thomas: Seine Frau heißt Avital Balwit, glaube ich, und die ist Chief of Staff bei Anthropic. Das ist halt schon — damit hat er es geschafft, finde ich, erst mal aus Berlin kommend und wahrscheinlich noch gar nicht so lange in den USA, da wirklich ein Netzwerk aufzubauen. Auch wenn man guckt, wer bei ihm investiert hat. Das ist schon außergewöhnlich, finde ich.

Björn Rieckhoff: Was machst du eigentlich, frage ich mich gerade — ich kenne ja Chief of Staff von Start-ups. Aber was machst du als Chief of Staff bei Anthropic? Das ist wahrscheinlich die geilste Rolle, die du irgendwie haben kannst. Du bist wahrscheinlich Jack of all Trades auf der einen Seite und hast eine Menge Verantwortung. Aber welche Verantwortung trägst du tatsächlich?

Jan Thomas: Und sie ist tatsächlich Chief of Staff von — es gibt ja auch Unterteilungen, je größer ein Startup ist — von Dario Amodei, also CEO Chief of Staff. Wirklich eine prädestinierte Rolle gerade. Aber vielleicht auch für Insider-Informationen.

Björn Rieckhoff: Interessant, ja. Aber ich weiß gar nicht, ob sie schon im Leben von Leopold Aschenbrenner war, als er bei OpenAI raus ist. Er wurde vermeintlich wegen eines Informationslecks entlassen, 2024. Das bestreitet er allerdings, muss man sagen. Und dann hat er im Prinzip dieses Essay geschrieben. Das war sozusagen die Geburtsstunde seines Hedgefonds, über den wir heute reden.

Jan Thomas: Genau, das ist der Hintergrund, warum wir überhaupt so weit ausholen. Und vieles, was wir jetzt sagen, ist natürlich outside-in — wir gucken durch Meldungen, die am Markt kursieren. Wenn du sagst, er bestreitet das: Wir wissen es halt einfach nicht, das ist viel Gerüchteküche. Auch, ob da eine Chinese Wall im Schlafzimmer ist zwischen ihm und seiner Frau und sowas (lacht). Who knows.

Björn Rieckhoff: (lacht) ... das ist tatsächlich Deine beste Formulierung seit Langem.


Jan Thomas: So, und damit würde ich sagen, wir gehen rein ins Thema von heute. Denn da ist ja viel passiert.

Björn Rieckhoff: Genau, da ist viel passiert. Ich hole mal ein bisschen aus. Wie gesagt, er hat den Hedgefonds aufgebaut, basierend auf seinem Essay „Situational Awareness", in dem er die KI-Revolution beschrieben hat. Anfang Juli waren es dann, glaube ich, 45 Milliarden Dollar, die er verwaltet hat — mit elf anderen Leuten, also einem sehr kleinen Team. Sehr viel AUM. Investiert haben dort unter anderem die Collison-Brüder von Stripe, Nat Friedman, Daniel Gross — sehr viele Größen aus der Finanz- und Tech-Szene. Und er selbst ist im Prinzip eine Investment-These eingegangen, die auf zwei Säulen aufbaut. Das eine: Er ist long gegangen, hat also Aktien von Geschäftsmodellen gekauft, die durch KI befeuert werden — Speicherchips, SanDisk, Micron und Co., Rechenzentren wie CoreWeave, Stromerzeugung, da waren auch ein paar Energy-Provider dabei. Und dadurch hatte er ein Portfolio, in dem die größten fünf Positionen über drei Viertel des Portfolios ausmachen. Ich sage das jetzt, weil das für die Story gleich relevant ist. Die zweite Wette: Er hat gegen die klassischen Softwarefirmen gewettet, ist also short gegangen auf Firmen wie beispielsweise Adobe — mit der These, KI wird denen das Geschäft abgraben. Auf dem Papier ist das eine Absicherung, du hast zwei verschiedene Säulen, auf denen du dein Portfolio aufbaust. Aber wenn du das hinterfragst, ist das dieselbe Wette, nur von zwei Seiten aus: KI-Infrastruktur rauf, alte Software runter — ein und dieselbe Marktentwicklung. Und das ist im Juli gekippt. Ich glaube, aus ein paar verschiedenen Punkten. Im Hintergrund hattest du den SpaceX-Börsengang im Juni, den größten aller Zeiten. Wer da mitzeichnen wollte, brauchte Geld und verkaufte dafür etwas anderes. Dann hast du eine Verkaufswelle gesehen bei Dingen, die in den letzten Quartalen sehr, sehr gut gelaufen sind — das waren eben auch Chip-Aktien. Du hast also eine Dynamik gesehen, in der dieser erfolgreiche Börsengang Geld aus dem Rest des Marktes abgesaugt hat, und zwar in einer Größenordnung, die niemand so stark auf dem Schirm hatte. Dazu kommen die IPO-Storys der großen LLM-Provider, auf die sich gewisse Leute vorbereiten, vielleicht ein bisschen Cash zurücklegen und gut gelaufene Aktien verkaufen. Das hat sein Portfolio unter Druck gesetzt. Und dann hattest du das Listing einer Position von Aschenbrenner — er hatte sich vorab verpflichtet, dort für rund 7 Milliarden Dollar Anker-Investor zu sein: SK Hynix. Die Aktie fiel vom Juni-Hoch um fast 50 Prozent, und das hat ihn in Schwierigkeiten gebracht, weil er in seinem Portfolio extrem stark gehebelt war. Von den 45 Milliarden AUM waren nur in Anführungsstrichen 11 Milliarden das Geld seiner Investoren — das andere war Kapital, das er von Banken zur Verfügung gestellt bekommen hat. Ich würde das dem Otto-Normal-Verbraucher — also dem Zuhörer — mal verständlich machen: Wenn man sich eine Wohnung für eine Million kauft, 250.000 als Eigenkapital einbringt und 750.000 die Bank leiht, und die Wohnung steigt im Wert um 20 Prozent, hast du 200.000 verdient. Dann ist die Wohnung 1,2 Millionen wert, und du musst immer noch nur 750 zurückzahlen. Du verdoppelst also fast deinen Einsatz, obwohl sich der Wohnungswert nicht verdoppelt hat. Dieser Hebel ist real. Das funktioniert allerdings ebenso in die andere Richtung: Fällt der Wert der Wohnung um 25 Prozent, ist dein Geld komplett weg. Dann ist die Wohnung nur noch 750.000 wert — genau der Wert, den die Bank für ihren Kredit haben möchte. Und dann hast du leider nichts mehr. Genau dasselbe passiert mit dem Portfolio eines Hedgefonds. Du hast dann eine Situation, in der die Banken, die dir das Geld für diesen Hebel gegeben haben, auf einmal anrufen und sagen: Da ist jetzt eine gewisse Unsicherheit drin, wir hätten gerne unser Geld zurück. Und das schaffst du irgendwann nur noch, wenn du die liquiden Aktien in deinem Portfolio auflöst. Das kommt natürlich genau zu dem Zeitpunkt, in dem der Wert dieses Portfolios nicht mehr auf dem Hochpunkt ist — die eine Aktie ist um knapp 50 Prozent eingebrochen, und man muss trotzdem verkaufen. Daher kommen jetzt die ganzen Artikel. Am Ende war es dann Ken Griffin von Citadel, der das gesamte börsennotierte Buch des Fonds für 16 Milliarden Dollar übernommen hat, zu etwa zehn Prozent Abschlag. Er musste im Prinzip ein Portfolio gesunder Firmen abgeben, um die Margin Calls der Banken zu bedienen — und hat dadurch Geld verloren.

Jan Thomas: Das war jetzt auch ein paar Mal zu lesen: Der Ken Griffin — auch den kannte ich vorher nicht, Citadel hatte ich schon mal mitbekommen — ist halt super erfahren. Man hat jetzt die ganze Zeit so ein bisschen geunkt, dass der Aschenbrenner einfach eine teure Lektion bekommen hat, von einem der erfahrensten Hedgefonds-Manager. Das ist vielleicht Teil des Spiels. Zugleich, dieses Beispiel mit den Wohnungen: Bei einer Wohnung ist der Vertrag ja festgeschrieben auf eine gewisse Zeit. Ich kann mir die Dimension dieser Telefonate, die ein Aschenbrenner da bekommt, gar nicht vorstellen. Wenn plötzlich dauernd Margin Calls reinkommen, die Banken nervös werden — da klingelt so ein Telefon heiß.

Björn Rieckhoff: Ja, die sind dann natürlich extrem nervös — verständlich auch, vor allem bei den Volumina. Und ehrlicherweise: Ich muss da ein bisschen aufpassen, weil ich das überhaupt nicht mag, wenn man jetzt auf Leopold Aschenbrenner einschlägt, von oben herab, wie es insbesondere die deutsche Presse gemacht hat. Er hat ja auch sehr, sehr viel Wert aufgebaut.


Jan Thomas: Wenn ich da kurz reingehen darf, Björn: Ich glaube, die frühen Investoren sind auch alle mit 70, 80 Prozent plus rausgegangen. Es sind eher die späteren Investoren, die jetzt gerade in die Röhre gucken. Deswegen glaube ich, die Grundthese von ihm war in bestimmten Zügen gar nicht verkehrt.

Björn Rieckhoff: Überhaupt nicht. Und ich glaube, die ist auch weiterhin aktuell und richtig. Zwei Dinge, die ich dazu sagen würde: Überall steht, er hat 35 Milliarden Dollar verloren. Das ist nicht falsch — aber das ist der Rückgang des verwalteten Vermögens, kein Verlustausweis. Er hat das Kapital dreifach beleihen lassen. Das eingesetzte Investorengeld war dementsprechend nie 45 Milliarden Dollar, sondern 11. Das heißt: Er hat rund 67 Prozent Verlust im Juli gemacht. Das ist immer noch katastrophal, aber es ist etwas völlig anderes als „die 35 Milliarden Dollar sind weg".

Jan Thomas: Genau — und in der heutigen Zeit: Wir kennen das ja vom Venture Capital, da hast du ganz oft Papiergewinne. Nichts anderes ist das hier eigentlich auch.

Björn Rieckhoff: Ja, und das ist eigentlich der interessante Punkt — schön, dass du es ansprichst, denn das ist genau das Äquivalent, das ich am Ende der Analyse hätte ziehen wollen.

Jan Thomas: Entschuldige, ich wollte nicht vorweggreifen.

Björn Rieckhoff: Nein, nein, es ist super — es ist genau die Analogie. Welcher Wert bleibt beim Aschenbrenner? Das Portfolio an den Private Markets, die illiquiden Beteiligungen, die niemand Tag für Tag bewertet. Was jetzt von Ken Griffin übernommen wurde, das sind die börsennotierten Market Values, die Tag für Tag eingepreist werden. Er hat ja weiterhin seine privaten Beteiligungen an Anthropic und Co. — die waren nicht auf Kredit finanziert. Die haben keinen Tageskurs. Und zurück zur Wohnung: Niemand schätzt sein Ferienhaus jeden Abend neu ein — und ruft dich deswegen auch nicht an. Aber bei einem Public-Markets-Portfolio schon. Bei Venture-Capital-Fonds ist es de facto ähnlich. Da hast du eine extreme Asymmetrie zwischen der Bewertung der Buchwerte und dem tatsächlichen tagesaktuellen Stand, weil die letzte Bewertung im Zweifel Jahre zurückliegt — also die letzte Finanzierungsrunde eines Portfolio-Unternehmens. Public Values dagegen werden Tag für Tag eingepreist. Diese Asymmetrie ist interessant und triggert ganz andere Dynamiken.


Jan Thomas: Und dieser Griffin — hattest du den vorher auf dem Schirm? Der wirkt viel sympathischer, als ich gedacht habe. Als ich dieses Manöver gelesen habe, dachte ich: Okay, das ist so ein richtiger Wolf. Aber er macht einen sympathischen Eindruck, und ich weiß gar nicht, wie das Verhältnis zwischen den beiden jetzt ist. Glaubst du, der sitzt abends da und freut sich, den Leopold über den Tisch gezogen zu haben? Oder ist das fast eine partnerschaftliche Koexistenz Das könnte ja auch mal so eine Succession-Logik werden — der ist jetzt um die 60, glaube ich —, dass der irgendwann sagt: Da ziehe ich mir quasi die nächste Generation heran.

Björn Rieckhoff: Unter Finanzinvestoren kann ich mir das tatsächlich relativ emotionslos und abgeklärt vorstellen. Wenn du nüchtern rangehst — natürlich kann man nervös werden, und das Telefon läuft heiß, wie du vorhin beschrieben hast —, aber ich glaube schon, dass das wichtig ist, weil du ansonsten mit diesen Volumina gar nicht umgehen kannst. Du bist emotional von diesen Werten disconnected und gehst völlig rational ran: Gut, ich bin jetzt einfach in der Situation, in der die Banken das Geld haben wollen. Entweder ich zahle sie, oder wir verkaufen, was mir Probleme macht — also zahle ich lieber. Und der Deal, den du dann kriegst, ist im Endeffekt ein fairer Deal, sofern er fair ist — aber es ist nicht der bestmögliche Deal, den er für das Portfolio hätte bekommen können. Natürlich nicht, weil er in einer Notsituation ist und die anderen das auch wissen.

Jan Thomas: Und das muss innerhalb von Stunden gegangen sein, vermutlich? Die Uhr hat doch total getickt die ganze Zeit.

Björn Rieckhoff: Und dann ist natürlich die Frage: Bist du auf denjenigen sauer, der dir das Geld gibt, oder bist du eher dankbar? Ich glaube, es ist ein bisschen eine Hassliebe. Das kann man auf persönlicher Ebene auseinandernehmen, aber wenn man mit Abstand draufguckt, würde man wahrscheinlich sagen: Es war wertvoll, dass es diesen Geschäftspartner gab, und im Zweifel gibt es auch zukünftig weitere Geschäfte zwischen den beiden. Wie du sagst: Der Altersunterschied ist deutlich, die Erfahrungswerte gehen deutlich auseinander. Im Zweifel ist es für Leopold Aschenbrenner ein gutes Learning, das ihn in Zukunft besser agieren lässt. Aber ich würde denken: Solche Situationen passieren auch Finanzinvestoren, die 50 Jahre alt sind und ihr ganzes Leben auf dem Parkett verbracht haben. Ich würde ihn nicht aus der Schusslinie nehmen — aber ich finde es auch überspitzt, jetzt alles nur auf fehlende Erfahrung in der Branche zurückzuführen.

Jan Thomas: Ich hatte halt gedacht, dass Ken Griffin im Aschenbrenner eigentlich so ein Wunderkind sehen könnte — da ist jemand, der den Markt der Zukunft viel besser versteht, als ich das tue. Diese Symbiose hatte ich irgendwie ganz passend im Kopf. Das Ganze hat ja auch Filmmaterial — ich weiß nicht, ob du den Film kennst: „Margin Call", der ist fast diese Situation, mit Kevin Spacey und Jeremy Irons, glaube ich. Sehr sehenswerter Film, der passt ganz gut zu dem Setting hier. Man muss es also nicht nochmal verfilmen, das will ich damit sagen.

Björn Rieckhoff: Nee, du hast schon recht, aber diese Dynamik ist natürlich wiederkehrend. Ich glaube, was relevant ist zu verstehen — so ein paar Learnings: Es ist weiterhin stark gehebeltes Kapital, das heißt, du musst inhaltlich nicht falsch liegen. Und das wäre auch mein Punkt: Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass Leopold Aschenbrenner mit den Investments, die er getätigt hat, inhaltlich nicht falsch lag. Aber ihn hat die Marktdynamik zur falschen Zeit getroffen, und dann wurde es durch die Margin Calls getriggert. Das heißt nicht, dass er langfristig mit dieser These nicht unheimlich viel Erfolg haben wird. Und Randnotiz: Er hat kürzlich direkt wieder investiert — 400 Millionen in Source Foundry, eine Stanford-Ausgründung. Fünf Tage nach dem Notverkauf. Er ist also weiterhin überzeugt von dieser These, meiner Meinung nach zu Recht. Das ist jetzt nicht der Auslöser von „die KI-Wette geht schief" — es ist eine Marktdynamik, die durch diesen extremen Hebel entsteht, und dadurch eine Situation, in der er verkaufen musste.

Jan Thomas: Dadurch ist Timing wahrscheinlich auch super relevant.

Björn Rieckhoff: Genau. Und da lande ich wieder bei der nächsten Analogie zum Venture Capital. Wir haben in Deutschland gerade die Situation, in der die Investoren der Fonds im Prinzip rufen: Bitte liquidiert endlich das Portfolio, wir wollen Rückzahlungen sehen. Die DPI ist quasi nicht vorhanden, es gibt nur Buchwerte. Und die Fondsmanager, die diese Position in ihren Investorengesprächen seit Quartalen und von Jahr zu Jahr verteidigen müssen, machen sich natürlich immer mehr Gedanken über den potenziellen Verkauf ihres Portfolios. Noch sind sie im Zweifel in der Lage, das aktiv zu steuern. Irgendwann bist du aber in der Situation, in der du als Fondsmanager einfach liquidieren musst. Dann gibt es kein großartiges Getue mehr von wegen „wir gehen auf die Suche nach dem besten Angebot" — dann ist das ein diktierter Preis, zu dem du verkaufen musst, weil du in dieser Notsituation vom Timing gelandet bist. In der solltest du nie landen. Ich glaube, das ist für mich die nächste Entwicklungsstufe erfolgreicher Fondsmanager in Europa und auch in Deutschland: dass sie sich sehr, sehr frühzeitig Gedanken über eine Divestment-Strategie machen. Und auch Portfolio-Werte auflösen, wenn sie sagen, wir haben einen Target-Return erreicht — nicht in der Hoffnung, dass zum Auslaufen des Fondszeitfensters noch irgendetwas passieren könnte.


Jan Thomas: Ja — da werden wahrscheinlich wieder spannende Diskussionen geführt. Aber vielleicht nochmal kurz, um den Case Situational Awareness abzuschließen: Du glaubst, der Fonds kommt zurück? Da war jetzt ja auch dieses Investment, das ich gar nicht einordnen konnte. Ich finde, das geht alles so rasant schnell — Fonds-Verkauf, Hochzeit, neues Investment. Gefühlt ist das alles an einem Wochenende passiert, ich komme mit dieser Geschwindigkeit nicht ganz zurecht. Und was mich noch interessieren würde: Ich habe mir zum Beispiel den Adobe-Kurs angeguckt. Es ist halt krass, wenn sich so ein Kurs komplett konträr zu dem verhält, was du in deinem Fonds eigentlich erwartet hast. Glaubst du, dass wir in den nächsten zwölf Monaten diesen Einbruch von SaaS-Aktien sehen werden?

Björn Rieckhoff: Ich glaube, den sehen wir in gewisser Weise schon, was die Multiples angeht — auch an den Private Markets. Und ich glaube, das wird sich noch fortsetzen. Ich glaube allerdings auch, dass das medial ein bisschen aufgebauscht wird. Denn was SaaS-Businesses häufig haben, ist eine gute Vorhersehbarkeit — und es ist ja nicht so, dass die Unternehmen untätig wären. Es gibt diverse Beispiele, wo Unternehmen sehr gut auf KI reagiert und sich aus einer Position der Stärke heraus gewandelt haben, um nicht in diesem Innovator's Dilemma zu landen und rechts überholt zu werden. Ich glaube, ganz viele SaaS-Businesses, auch börsennotierte, kriegen dann natürlich schon einen Hit, werden aber in der Lage sein, aus sehr guten Recurring Revenues heraus eine Zukunft zu haben — ohne dass sie erst einen bankrottgehenden Distress Case durchlaufen und dann irgendwann ein zukünftiges Geschäftsmodell finden.

Jan Thomas: Naja, ich frage deswegen, weil sich so ein Salesforce und Co. in den letzten anderthalb Jahren ungefähr halbiert haben. Aber der Aschenbrenner hat jetzt darauf gewettet, dass das noch weiter runtergeht. Und da frage ich mich, ob das wirklich stimmt — oder ob man nicht irgendwann sagen muss, dass die Unternehmen fundamental auch nicht ganz verkehrt sind, irgendwann auch KI verstehen werden und dadurch vielleicht sogar mehr Umsatz machen, pro Nutzer, pro Seat.

Björn Rieckhoff: Meine Lesart ist, dass er da sehr aggressiv rangeht — genauso, wie er auf der Buying-Side weiterhin ein starker Verfechter davon ist, dass der KI-Trend immer weitergeht. Dazu haben wir uns ja in den letzten Episoden unterhalten, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist und wann man den Bogen überspannt. Und genauso macht er das eben auf der anderen Seite auch. Ich glaube, da muss man sagen: Es ist schon ein Fahren auf Sicht. Nach einem gewissen Punkt kommt es dann, glaube ich, doch dazu, dass man gewisse Gewinne aus der entsprechenden Investment-These mitnimmt.

Jan Thomas: Punkt. Super, Björn, ein super spannendes Thema. Ich glaube, wir werden von dem noch viel hören in den nächsten Wochen und Monaten. Er ist jetzt bei den Medien ins Rampenlicht gerutscht, verständlicherweise, und das ist vermutlich eine Geschichte, die jetzt erst losgeht. Vielleicht noch die Brücke zum Anfang: Ich habe diese Videos von ihm gesehen, wie er beim Grünen-Parteitag vor zehn, zwölf Jahren schon gerantet hat. Das fand ich faszinierend — er kommt aus einer ganz anderen Ecke, man hätte nie erwartet, was aus dem wird. Total spannend.

Björn Rieckhoff: Ich finde, für sein Alter hat er ein unheimlich bewegtes Leben. Was andere in 60 Jahren packen, packt er in seine Mittzwanziger. Allein wenn du dir überlegst, was alles dazugehört, dieses Netzwerk aufzubauen. Ehrlicherweise glaube ich, da lacht er eher über die europäischen Medienberichte, die jetzt den vermeintlichen Abverkauf seines Fonds thematisieren. Der wird genug Opportunitäten sehen und sicher daran arbeiten, in Zukunft eine sehr große Rolle in der Finanzindustrie zu spielen.

Jan Thomas: Genau. Und ich würde sagen, den deutschen Blick lassen wir hier weiterhin außen vor — den brauchen wir dafür nicht.

Björn Rieckhoff: Ja.

Jan Thomas: Hat Spaß gemacht. Ich danke dir!

Björn Rieckhoff: Mir auch. Danke.

Jan Thomas: Bis zum nächsten Mal. Ciao!


Über Björn Rieckhoff

Björn Rieckhoff ist Independent Advisor und Business Angel mit fast zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Heute unterstützt er Gründer beim Fundraising, schärft ihre Story, stellt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand und setzt schlanke Finanzierungsprozesse auf. Mit über 80 Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase bringt er diese Perspektive als Sparringspartner für Unternehmer ein.

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