AirTable Exit an Bending Spoons: Was Liquidation Preferences wirklich kosten
Quelle: Startup Insider – Originalepisode
Airtable wurde 2021 mit 11,7 Milliarden Dollar bewertet — beim 75-fachen des wiederkehrenden Umsatzes, mitten im Hoch der SaaS-Bewertungen. Vergangene Woche ging das Unternehmen für 1,28 Milliarden Dollar all-cash an den Mailänder Serienaufkäufer Bending Spoons, obwohl sich der Umsatz seither verdreifacht hat und die Firma operativ besser dasteht als je zuvor: 90 Prozent Bruttomarge, 80 Prozent der Fortune 100 als Kunden. Björn Rieckhoff und Jan Thomas nehmen den Deal als Anschauungsfall für die Mechanik dahinter: Liquidation Preferences, die den letzten Investoren ihre 735 Millionen zuerst zurückgeben, während Mitarbeiter-Optionen zum Kurs der letzten Runde wertlos verfallen. Dazu: DPI als die einzige Fonds-Metrik, die wirklich zählt, die Grenzen von „raise when you can" — und warum eine Firma, die beim KI-Schwenk fast alles richtig gemacht hat, trotzdem nur noch ein Zehntel wert ist. Am Ende bleibt eine europäische Pointe: Diesmal kauft Mailand in San Francisco ein, nicht umgekehrt.
Kernthemen dieser Episode
- Von 11,7 Milliarden auf 1,28: Die Anatomie des Deals — 735-Millionen-Runde Ende 2021 zum 75×-ARR-Multiple, drei Finanzierungsrunden in einem Jahr, riesige unverbrauchte Cash-Position (rund die Hälfte der Runde), All-Cash-Übernahme durch Bending Spoons. Vom Anteilspreis von 187 Dollar bleiben 18 bis 25.
- DPI — die einzige Metrik, die zählt: Distributions to Paid-in Capital misst, was tatsächlich auf dem Konto der Investoren ankommt — nicht, was auf dem Papier steht. Bei typischen Fondslaufzeiten von 10 bis 15 Jahren kann sich die deutsche VC-Szene daran erst jetzt messen lassen; Buchwerte sind bis dahin eine Hilfsvariable.
- Liquidation Preferences erklärt: Der Standard bei Wachstumskapital — der letzte Investor sieht sein Geld zuerst, in Distress-Fällen auch mit 1,5× bis 3×. Bei Airtable heißt das: 735 Millionen fließen zurück an XN, Silver Lake und Salesforce Ventures — fünf Jahre, null Rendite, nach Inflation ein Verlust. Der Rest verteilt sich auf nur noch 25 Prozent der Anteile.
- Alles richtig gemacht — und trotzdem gezehntelt: Airtable war keine träge SaaS-Firma: Refounding Mitte letzten Jahres, der frühere Engineering-Chef der ChatGPT-Businessprodukte als CTO, mit Superagent das erste neue Produkt seit 13 Jahren, KI in jedem Tarif. Das Learning: KI im Produkt verteidigt die Wettbewerbsposition — sie hebt nicht mehr die Bewertung.
- „Raise when you can" hat Grenzen: Wenn Jahre später noch Cash in einer Größenordnung übrig ist, die eigene Finanzierungsrunden rechtfertigen würde, war die Runde zu groß. Die Gründer-Lektion: vor der Mega-Runde durchdenken, an wen und zu welchem Preis sich das Unternehmen realistisch verkaufen lässt.
- Gewinner und Verlierer am Cap Table: Frühe Investoren realisieren 6× bis 55× (der Erstinvestor kam über ein Praktikum des Gründers ins Spiel), die Gründer gehen mit rund 50 Millionen — aber Mitarbeiter mit Optionen zum Kurs der letzten Runde gehen leer aus. Das Plädoyer: Secondaries auf dem Weg nicht verpassen, Buchwerte sind trügerisch.
- Die europäische Pointe: Bending Spoons fährt das klassische PE-Playbook (Preiserhöhungen bei Evernote & Co. inklusive) — aber diesmal kauft ein Mailänder Unternehmen, seit Juli an der Nasdaq, eine Company aus San Francisco. Ein Fingerzeig in ungewohnter Richtung.
- Nachtrag: Ein Punkt, der ins Gespräch gehört hätte — wie Mathias Ockenfels im Nachgang analysiert hat, wurde das KI-Geschäft von Airtable vor der Transaktion aus der Company herausgelöst. Bending Spoons kaufte also das Kern-SaaS-Geschäft ohne den KI-Teil: ein Detail, das die Bewertungslücke zusätzlich einordnet. Die Analyse ist unten verlinkt.
Transkript
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Jan Thomas: Björn, hi, freut mich!
Björn Rieckhoff: Hallo Jan, freut mich ebenso.
Jan Thomas: Cool, dass wir sprechen. Sag mal, ich hatte mir notiert: Du hast beim letzten Mal ganz im Nebensatz den Begriff DPI fallen lassen. Und ich hatte den Marius Meiners von Peec AI — der hat einen spannenden LinkedIn-Post veröffentlicht, können wir gern verlinken. Da hat er gesagt: DPI is the only VC fund metric that is real. Er hat das tatsächlich im Kontext unseres heutigen Themas geschrieben. Vielleicht kannst du mal ganz kurz erklären: Was ist eigentlich DPI?
Björn Rieckhoff: DPI heißt Distributions to Paid-in Capital — also welche Ausschüttungen kommen auf das eingezahlte Kapital. Das ist eine Quote, wenn du so möchtest, ein KPI, der in Private Equity und Venture Capital gleichermaßen genutzt wird und im Prinzip misst, wie viel tatsächliches Cash an die Investoren ausgezahlt wurde, relativ zum eingezahlten Kapital. Und die Unterscheidung, auf die der Marius wahrscheinlich hinauswollte, ist die zu den Buchwerten. Ein Fonds kann ein hoch bewertetes Buch haben, das auf dem Papier sehr, sehr schön aussieht — was den Investoren aber ehrlicherweise im Bank Account gar nichts bringt. Die wollen tatsächliche Ausschüttungen sehen, und daran wird letztendlich auch der Fondsmanager gemessen. Für alle, die sich anschauen, wie lange so ein Fonds eigentlich läuft: Der ist typischerweise auf zehn Jahre strukturiert, mit Optionen, häufig um jeweils ein Jahr zu verlängern — viele Fonds werden erst nach 15 Jahren oder so richtig liquidiert. Wenn du jetzt zurückguckst: Wir haben 2026 — wo stand die deutsche VC-Szene vor 15 Jahren? Da gibt es eine überschaubare Anzahl von Investoren, die damals schon existierten und sich de facto an DPI messen lassen können. Vor dem Hintergrund sind die Buchwerte häufig eine Hilfsvariable, die den Managern in einem aktiven Fonds erlaubt, irgendwo ihre Performance zu messen.
Jan Thomas: Und wir waren in der letzten Folge ja auch sehr häme-frei, würde ich sagen — das bleiben wir auch heute, glaube ich. Aber trotzdem ist das Thema heute eins, das fast noch mehr einlädt, mal zu hinterfragen, ob da in der Vergangenheit nur richtige Entscheidungen getroffen wurden.
Björn Rieckhoff: Das ist richtig. Da steckt in der Vergangenheit auch immer sehr viel Hoffnung drin — was Gründer und Investoren ja häufig eint und auch irgendwie ein guter Anreiz ist. Aber das ging hier leider ein bisschen schief. Ich finde die Episode heute deswegen so schön, weil sie nicht nur eine typische Investorendynamik zeigt, sondern auch ein Ausrufezeichen gegenüber Gründern ist: dass man bitte aufpassen sollte, welche Verpflichtungen hohe Bewertungen eigentlich haben — und wie es um den eigenen Anreiz und die eigene Möglichkeit steht, diese Anteile an der eigenen Firma zukünftig mal zu Geld zu machen. Ich hole mal aus: Airtable — du kannst es im Prinzip unter die Headline stellen „von 11,7 Milliarden auf 2,25". Airtable wurde 2021 tatsächlich mit 11,7 Milliarden Dollar bewertet und wurde vergangene Woche für 1,28 Milliarden verkauft. Und jetzt kommt der Teil, der wehtut: Der Umsatz hat sich in der Zwischenzeit verdreifacht, und die Firma ist heute wahrscheinlich in jeder Hinsicht besser als damals. Aber sie ist leider nur noch ein Bruchteil dessen wert — ein Zehntel.
Jan Thomas: Vielleicht ganz kurz, weil du gerade zwei verschiedene Werte genannt hast, 2,25 und 1,28: Das hängt damit zusammen, wenn ich es richtig verstehe, dass es noch eine riesengroße Cash-Position gibt.
Björn Rieckhoff: Genau richtig. 2021 hat das Unternehmen eine extrem hohe Finanzierungsrunde auf diese 11,7 Milliarden Dollar aufgenommen — und davon, glaube ich, bisher nur die Hälfte überhaupt investiert. Ganz, ganz viel ist also noch übrig und wird jetzt im Prinzip mit an die Investoren ausgeschüttet.
Jan Thomas: Genau. Und das war so heiß — ich habe mir das bei Crunchbase nochmal angeschaut, diese Phase 2020/2021: Da hat Airtable drei Runden innerhalb eines Jahres gemacht. Das ist schon wild.
Björn Rieckhoff: Genau. Du hattest damals einen wiederkehrenden Umsatz von ungefähr 150 Millionen Dollar. Dezember 2021 ist wirklich das Hoch der SaaS-Bewertungen, mit einem Multiple von 75×. Das ist einfach unfassbar — de facto vergleichbar mit AI-Businesses heute, muss man sagen. Und das ist vielleicht auch ein gutes Vorzeichen, das man für die Zukunft im Kopf haben kann, wenn es darum geht, wie ich die zukünftigen Finanzierungsrunden meiner AI-Firma strukturiere. Damals hattest du einen Preis von — wenn du das auf die Anteile runterrechnest, ich habe mir einen Blogartikel dazu durchgelesen — 187 Dollar. Und jetzt bekommen die Investoren grob 18 bis 25 Dollar zurück. Du hast einfach ein Multiple, das von 75× auf 2,7× runtergeht. Das trifft insbesondere die Investoren hart, die keine Liquidation Preference drin haben — dazu gleich mehr, das ist eine Dynamik, die ich den Hörern nochmal verständlich machen will, Fluch und Segen zugleich. Was hier passiert ist: Bending Spoons — Norditalien, Mailänder Serienaufkäufer, die haben auch WeTransfer, Evernote und Eventbrite gekauft und sind seit Anfang Juli an der Nasdaq gelistet — hat die Company übernommen, all-cash, komplett in bar. Und die haben jetzt keinen Sanierungsfall vor sich, sondern ein Unternehmen mit wiederkehrendem Jahresumsatz, der sich seit 2021 verdreifacht hat, das operativ besser dasteht als je zuvor: 90 Prozent Bruttomarge — super, auch für ein SaaS-Business —, 80 Prozent der Fortune 100 als Kunden. Sie wachsen allerdings nicht mehr richtig dynamisch. Das ist der interessante Punkt: Dieses 75×-Multiple geht natürlich damit einher, dass der wiederkehrende Umsatz auch sehr dynamisch steigt — und dieses Wachstum ist in den letzten Quartalen einfach runtergegangen. Sie waren zuletzt, glaube ich, noch in der Lage, ihr Business 20 Prozent wachsen zu lassen. Und ich glaube, ihr nutzt ja auch Airtable?
Jan Thomas: Es sind eben nicht nur die, die S&P 500 — auch Startup Insider ist Heavy User.
Björn Rieckhoff: Ja, wahrscheinlich stehen auch schon kleine Airtable-Tombstones auf deinem Schreibtisch.
Jan Thomas: Ich bin tatsächlich, als ich die Meldung gesehen habe, total nervös geworden. Wir kennen das von komoot und so, dass dann wirklich zum einen die Leute rausgeworfen werden und dann die Preise nach oben gehen. Bei Evernote bin ich auch Nutzer — ich kriege gefühlt jeden Tag ein Pop-up, ob ich nicht upgraden möchte. Zum einen Preise verdoppelt, aber dann nochmal upgraden. Sie sind sehr aggressiv, finde ich, und das sehe ich jetzt bei Airtable irgendwie auch kommen.
Björn Rieckhoff: Ja, das wird wahrscheinlich dieses ganz klassische PE-Playbook, das dann aufkommt. Was ich in der Beobachtung des ganzen Deals spannend fand: Es ist ja nicht so, dass Airtable eine Laid-back-SaaS-Company war, die nichts in Innovation investiert hat. Die haben den KI-Schwenk versucht — beziehungsweise haben ihn richtig gemacht. Mitte letzten Jahres wurde ein Quote-unquote-Refounding der Firma ausgerufen, der Gründer hat sich selbst wieder hingesetzt und intensiver am Produkt gearbeitet. Die haben sogar den früheren Engineering-Chef der ChatGPT-Businessprodukte als CTO geholt. Dann kam Superagent, das erste eigenständige neue Produkt seit 13 Jahren von Airtable, und KI wurde in jeden Tarif gebündelt, auch in die Gratisversion. Die haben also sehr, sehr viel auf der Produktseite verändert, um sich fit zu machen für die Zukunft — und haben das Wachstum trotzdem nicht halten können. Wenn du dir das anschaust, ist das eigentlich ein interessantes Learning für andere SaaS-Businesses: KI-Implementierung im Produkt, auch diese Heavy-KI-Priorisierung, führt nicht mehr dazu, dass du vom Business her höher bewertet wirst oder unbedingt starkes Wachstum verzeichnest. Es ist vielmehr die Verteidigung der Wettbewerbsposition, die du in der Vergangenheit aufbauen konntest. Wir haben in einer anderen Episode mal darüber gesprochen, wie das mit SaaS-Businesses in der Zukunft läuft — und da war der Takeaway: Viele kommen aus einem sehr solide laufenden Business, müssen aber gucken, wie sie es zukünftig verteidigen. Da bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die ganze Company neu zu durchdenken, AI-native zu durchdenken, um überhaupt zukünftig eine Rolle zu spielen. Das heißt aber nicht, dass sie die Bewertung — insbesondere die aus der Vergangenheit — halten können. Sie sind wahrscheinlich trotzdem damit konfrontiert, dass die Investoren dem Ganzen einen Abschlag zurechnen.
Jan Thomas: Wie ist das eigentlich aus deiner Sicht: Wenn jetzt bei einem Unternehmen wie Airtable oder einem anderen erwachsenen Scale-up einer kommt und sagt, ich zahle dir eine hohe Bewertung — eine Bewertung, in die du erst reinwachsen musst. Ist das etwas, das du dem Gründer empfehlen würdest? Das ist natürlich gut für Headlines und fürs Signaling am Markt — wir suchen ja alle die besten Mitarbeiter, da ist eine höhere Bewertung und eine höhere Finanzierungsrunde immer hilfreich. Zugleich — das haben wir hier schon ein paar Mal besprochen — bringt das auch sehr viele Probleme mit sich. Was würdest du empfehlen: eher kleine Runden und mehrere, oder doch die eigentlich überhöhte Bewertung, allein für die Headline?
Björn Rieckhoff: Die typische Gründerwahrheit war und ist ja immer der Satz „raise when you can" — weil es immer Situationen geben wird, in denen entweder die Entwicklung des Startups nicht so verläuft, wie du es dir vorstellst, oder die Entwicklung stimmt, aber das Marktumfeld nicht mitspielt. In dem Moment, in dem beides zusammenkommt und positiv ist, bist du typischerweise in der Lage, eine gute Finanzierungsrunde aufzunehmen. Ich glaube aber schon, dass das irgendwo seine Grenzen hat. Wenn ich mir anschaue, wie viel Geld Airtable von der 2021er-Runde noch übrig hat und jetzt wieder an die Investoren zurückgeht — dann kann man, glaube ich, gut die Position vertreten: Du hast einfach zu viel Geld aufgenommen. Im Zweifel gab es natürlich den SaaS-Downturn und dergleichen, eine gewisse Investitions-Zurückhaltung im Management — die Situation hat sich geändert, lass uns mal nicht alles sofort rausblasen und ineffizient investieren. Das wird wahrscheinlich so gewesen sein. Aber trotzdem ist Cash in einer Größenordnung vorhanden, die eigentlich ganz eigene Finanzierungsrunden triggern würde. Also ja: Ich würde durchaus sagen, man hat in der Vergangenheit einfach zu viel Geld aufgenommen und diese Situation zu aggressiv gespielt.
Jan Thomas: Ich glaube, es hängt auch ein bisschen davon ab — der VC, der hier die letzte Runde gemacht hat, ist XN. Ich kannte die gar nicht. Ich habe mir jetzt ein bisschen das Portfolio angeschaut, und die haben echt ein paar krasse Fehlgriffe getätigt, muss man sagen. Wahrscheinlich auch ein paar richtig gute — Anthropic ist mit drin und so was. Aber da ist ein Impossible Foods dabei. Da ist Hopin dabei — ich weiß nicht, ob ihr euch erinnert, diese Event-Plattform, die ohne Ende hochgejazzt wurde und dann für 40 Millionen, glaube ich, verkauft wurde. Und der Einzige, der wirklich was rausgeholt hat, war der Gründer mit seinen Secondaries — ziemlich legendär. Dann Figma, vor dem IPO — wenn du den Aktienkurs anguckst, kannst du dir vorstellen, dass die Bewertung damals deutlich höher war, als sie heute ist. Ich würde nur sagen: Wenn da so einer reinkommt, bei dem du merkst, der schmeißt mit Geld um sich, ist relativ unerfahren als Investor, und danach siehst du immer, dass der Kurs absackt — dann würde ich, glaube ich, die Finger davon lassen.
Björn Rieckhoff: Ich finde es auch gut, dass du die Episode eingeläutet hast mit den Worten „wir halten uns mit Häme zurück" — und jetzt der Schuss vor den Bug von XN. Ich gehe mal davon aus, die hören nicht zu.
Jan Thomas: Ich gehe davon aus, die hören nicht zu — aber wir wollen es ja auch aus Gründersicht ein bisschen durchleuchten.
Björn Rieckhoff: Da gebe ich dir schon recht. Aber auch da ist natürlich interessant — ich hatte es vorhin angesprochen und bin gar nicht richtig zum Punkt gekommen, sorry dafür: was eigentlich eine Liquidation Preference ausmacht. Du hast in dieser letzten Runde — das ist der Standard bei Wachstumskapital — den letzten Investor, der reinkommt und sich eine Liquidation Preference geben lässt. Sodass er im Verkaufsfall zuerst sein Geld wiedersieht, bevor alle anderen Investoren bedient werden.
Jan Thomas: Genau. Last in, first out, ne?
Björn Rieckhoff: Das kann auch anders strukturiert sein. In Distress Cases hast du häufig eine höhere Liquidation Preference als 1× — dann kriegst du anderthalb-, zwei-, dreimal dein Geld zurück, bevor irgendein anderer etwas sieht, um das Risiko einzupreisen. Gehen wir mal davon aus, hier ist eine einfache Liquidation Preference drin: Dann sind damals 735 Millionen reingegangen, und die kommen jetzt wieder raus. Fünf Jahre, null Rendite — nach Inflation eigentlich ein Verlust für die Betroffenen. Also nicht nur XN, sondern auch Silver Lake und Salesforce Ventures. Und jetzt wird es interessant: Der Rest geht an die Halter der verbleibenden Anteile — das heißt, an nur noch 25 Prozent der Anteile. Da hast du aber auch die gerade genannten Silver Lake oder Salesforce Ventures dabei — und die haben gar nicht mitgeboten. Die sind im Prinzip schon auf dem Cap Table der Company, und obwohl sie die letzte Runde angeführt haben, sagen sie jetzt, nach der bereinigten Multiple-Realität: Danke, ich bin zufrieden, wenn ich mein Geld zurückkriege. Und wir sprechen über eine Company wie Airtable, die schon einen gewissen Brand etabliert hat. Da siehst du einfach die Situation gerade im Markt: Sehr viele Investoren tun sich unheimlich schwer, SaaS-Businesses zu underwriten und zu finanzieren, weil sie sich schwertun einzuschätzen, wie die Dynamik im Markt ist und wie die zukünftige Entwicklung laufen wird.
Jan Thomas: Und es war auch zu lesen: die Gründer — jeder, wenn es hochkommt, 50 Millionen. Wenn du als Gründer irgendwann denkst … wir hatten hier in Berlin immer mal diesen Begriff MOPs, diese Millionaires on Paper. Das waren die wahrscheinlich zum Zeitpunkt 2020/21 — da hat wahrscheinlich jeder von denen gedacht, wir gehen hier als Milliardäre raus.
Björn Rieckhoff: Mmh.
Jan Thomas: Ja, schon blöd.
Björn Rieckhoff: Voll. Das ist auch für mich immer so ein Punkt — ich bin ja selber nicht in der Series F und später aktiv, wie es hier bei Airtable der Fall ist, sondern eher in der Angel-Finanzierung, Seed-Finanzierung, den Klassikern. Wenn ich da mit den Gründerteams spreche, ist häufig die Diskussion: So viele rennen einfach rein — lass mal aufnehmen, zu der und der Bewertung. Das fühlt sich am Anfang sehr, sehr gut an. Aber letztendlich musst du als Gründer vor allen Dingen durchdenken: An wen kann ich das überhaupt verkaufen, und zu welchem Preis kann ich das realistisch verkaufen? Klar kann irgendwann alles gut zusammenspielen und du wächst ohne Ende. Aber selbst wenn du eine Series F auf 11 Milliarden raist, heißt das nicht, dass du davon supervermögend wirst. Sicherlich ist das ein Life-changing Event für die Gründer. Aber aus 2021 kommend würde man denken: Hätte ich dort mal besser einen Secondary gemacht — da hätte ich mit einem Bruchteil meiner Anteile das erlöst, was ich heute für alle meine Anteile bekomme. Und das ist ja auch die Krux an der Finanzierungswelt: Mit jeder kommenden Finanzierung gehst du diese Wette aufs Neue ein und musst dir diese Frage immer wieder stellen. Der Blick auf Buchwerte ist tatsächlich ein sehr trügerischer.
Jan Thomas: Der Harry Stebbings hatte in einem Blogpost nochmal vorgerechnet: Von den frühen Investoren sind ein paar dabei, die zumindest, ich glaube, ein 6×, ein 21× gemacht haben — und der erste Investor, Freestyle, hat, glaube ich, 55× gemacht. Das ist natürlich schon cool, weit weg von dem, wo es mal war, aber da wird zumindest dieses Durchhalten oder der frühe Glaube belohnt. Ich habe es sogar so verstanden: Freestyle ist nur reingekommen, weil der Airtable-Gründer da mal ein Praktikum gemacht hat und man sich kannte. Vielleicht auch ein Plädoyer für gute Praktikanten bei Fonds. Ich will damit nur sagen: Für ein paar hat es sich gelohnt. Es fühlt sich vielleicht ein bisschen schal an, wenn du als Gründer mit in Anführungszeichen „nur" 50 Millionen rausgehst — aber zugleich muss man die auch erst mal schaffen. Das ist auch eine Leistung.
Björn Rieckhoff: Natürlich. Und am Ende des Tages glaube ich immer noch, dass du aus dieser Situation auch als Gründer sehr viel besser rausgehst — allein dieses Renommee: Ich habe diese Company aufgebaut, ich bin durch alle Phasen gegangen. Ich will nicht sagen, dass das mehr wert ist als die 50 Millionen, aber geh mal eine Liste von Unternehmern durch, die es tatsächlich geschafft haben, ein Milliarden-Business erfolgreich aufzubauen _und_ zu verkaufen. Das Aufbauen ist das eine — das Verkaufen und dann tatsächlich rausgehen und sich operativ davon lösen ist etwas ganz anderes. Da wird es extrem dünn, da bist du auf einer anderen Flughöhe, auch von deiner Erfahrung her. Und ich denke mal, beim Gründerteam waren auf dem Weg zur Series F auch etliche Secondaries dabei. Was mir teilweise ein bisschen leidtut: Schau mal auf die Mitarbeitenden. Du hast im Zweifel Optionen zum Kurs der letzten Runde bekommen — da bekommst du gar nichts wieder. Du hast vielleicht einen großen Teil deines Packages mit Optionen verhandelt, in der Hoffnung, dass aus Airtable mehr wird, und kannst das fünf Jahre später im Prinzip in die Tonne treten. Das ist auch ein relevanter Teil in so einer Karriere.
Jan Thomas: Das war bei Hopin, wie gesagt, genau der Case: Der Gründer hat ausgecasht, alle Mitarbeiter haben in die Röhre geguckt. Trotzdem, vielleicht noch abschließend, weil mir der Deal immer noch nicht ganz klar ist: Hättest du irgendeine Alternative gesehen? Bending Spoons zahlt ja bekanntlich nicht die besten Preise — die haben sich logischerweise als Exit-Kanal etabliert. Wobei mich hier B2B, oder halb B2B, auch ein bisschen wundert, weil die eigentlich eher im B2C-Umfeld unterwegs sind. Hättest du gewartet — auf den Börsengang, oder auf einen anderen Käufer, der nicht mit Ansage 80 Prozent der Leute rauswirft?
Björn Rieckhoff: Ich glaube tatsächlich: In dem Moment, in dem ein Käufer wie Bending Spoons aktiv wird, hast du eigentlich schon ein sehr strukturiertes Verfahren laufen, inklusive mandatierter Berater. Das ist dann schon die Klärung der Marktsituation. Das war jetzt kein vereinzeltes Angebot — da wird es einen strukturierten Prozess mit einer M&A-Boutique gegeben haben. Und das ist dann einfach die Realität. Ich hatte es gesagt: Salesforce Ventures beteiligt, Silver Lake beteiligt — das wären auch potenzielle Übernahmekandidaten gewesen. Wenn sich im Gesellschafterkreis niemand findet, dann ist das einfach die Situation. Klar kann man sagen, der Spielraum wäre da gewesen — vom Cash her hätte man die Company weiterentwickeln können, und das Gründerteam hätte das vorantreiben können. Aber da spielen so viele Faktoren eine Rolle, auch im Bestandsinvestoren-Umfeld, die man von außen gar nicht richtig einschätzen kann. Es kann sein, wie du vorhin gesagt hast: Fondslaufzeiten gehen zu Ende, große Investoren haben Druck zu verkaufen. Vielleicht hast du auch eine Situation im Gründerteam, in der irgendwann gesagt wird: Das ist einfach nicht mehr das Business, das wir mal aufbauen wollten — die Motivation geht runter, die Performance leidet entsprechend. Das kann alles Mögliche sein, was da reinspielt. Aber natürlich: Wohlwissend, dass Bending Spoons mit allen Beteiligungen relativ ähnlich verfahren ist, ist die Hoffnung, die werden schon die Mitarbeiter behalten, nichts verändern und auf Preiserhöhungen verzichten — eine vage Hoffnung, die nicht begründet ist. Hm. Schade.
Jan Thomas: Ja, ist auch schade ums Ende, weil ich dachte, wir kommen irgendwie positiv raus — jetzt ist schon ein bisschen Trübsal-Stimmung. Ich hoffe, dass der Weg hinterher ein anderer ist als bei komoot. Das wäre schade, wenn du als Mitarbeiter zehn Jahre mit aufgebaut hast und dann von heute auf morgen vor der Tür stehst. Aber ich glaube, mit guten Kompensationspackages — das habe ich zumindest gehört.
Björn Rieckhoff: Ja, das wird häufig nochmal separat verhandelt. Was man vielleicht ein bisschen positiv sehen kann: Häufig beschweren wir uns ja, dass gute europäische Companies an die Amerikaner gehen. Jetzt haben wir hier eine Company aus San Francisco, die von einem Mailänder Unternehmen gekauft wird. Auch spannend, ne? Wobei die mittlerweile auch an der Nasdaq sind. Aber vielleicht doch — die europäische Fahne schwenkend — ein schöner Fingerzeig.
Jan Thomas: Total. Können wir auch gern nochmal verlinken: Ich habe mit der Julia Hubo mal über Bending Spoons gesprochen, vor dem Börsengang. Die sind schon krass, muss man sagen — auch von der ganzen Arbeitskultur. Sie sind permanent Arbeitgeber des Jahres in Italien, weil sie für die Mitarbeiter alles machen. Wer dort bleibt, hat es, glaube ich, ziemlich gut. Julia meinte auch, sie würde sofort hinwechseln. Ein Benefit zum Beispiel: Du kannst dir, wenn du das möchtest, die Augen lasern lassen, auf Arbeitgeberkosten. Relativ ungewöhnlich.
Björn Rieckhoff: Ja — tiefgreifender Perk, das auf jeden Fall.
Jan Thomas: Auf jeden Fall. Der bindet. Cool — hat Spaß gemacht!
Björn Rieckhoff: Ja, mir auch.
Jan Thomas: Bis zum nächsten Mal, ich danke dir. Bis dahin, tschüss!
Über Björn Rieckhoff
Björn Rieckhoff ist Independent Advisor und Business Angel mit fast zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Heute unterstützt er Gründer beim Fundraising, schärft ihre Story, stellt Geschäftsmodelle auf den Prüfstand und setzt schlanke Finanzierungsprozesse auf. Mit über 80 Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase bringt er diese Perspektive als Sparringspartner für Unternehmer ein.
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Fundraising steht an? Kuratierte Investorenlisten für europäische Early-Stage-Runden, geliefert in 48 Stunden: $ cd services/investor-intelligence
Links
- Marius Meiners: „DPI is the only VC fund metric that's real" (LinkedIn)
- Mathias Ockenfels: Analyse zum Airtable-Deal — das vor der Transaktion herausgelöste KI-Geschäft (LinkedIn)
- Bending Spoons
- Peec AI – Hypergrowth und Peter Thiels Nvidia-Exit (Episode mit Peec-Bezug)
- Aschenbrenners Margin Call: Warum der Hebel die KI-These kippte (vorherige Episode)