Launch Nephilia: Investorenauswahl per MCP direkt im eigenen KI-Assistenten
Quelle: Startup Insider – Originalepisode
Diesmal geht es um ein eigenes Projekt: Björn Rieckhoff stellt Nephilia vor, einen Informationsdienst für Gründer, der die Vorbereitung einer Finanzierungsrunde unterstützt – konkret die Frage, welche Investoren für diese Runde tatsächlich passen. Das Produkt hat bewusst kein eigenes Interface: Nephilia ist ein MCP-Server, der als Informationsschicht in den KI-Assistenten eingebunden wird, den Gründer ohnehin nutzen. Im Gespräch mit Jan Thomas erklärt Björn, warum die Investorenliste auch 2026 noch als E-Mail mit fünf Namen aus dem Kopf kommt, was eine „qualifizierte" Shortlist von einer Schlagwortsuche unterscheidet und warum Nephilia Faktenwissen aus Handelsregister und Deployment-Verhalten liefert, aber keine Investorenbewertungen im Stil von Kununu. Dazu: die Grenzen historischer Daten bei neuen Themen wie Defense Tech, die bewusste Entscheidung gegen ein „agentic fundraising framework", das den Outreach übernimmt, und die Frage, ob Seed-Strapping den Markt für ein VC-Tool schrumpfen lässt. Am Ende: Pricing als Flat pro Runde statt Subscription – 900 Euro für Pre-Seed bis 2.500 Euro für Series A – und die Erkenntnis, dass der Bau des MCP-Servers selbst der kleinste Teil der Arbeit war.
Kernthemen dieser Episode
- Vom Advisor zum Operator: Aus der Beratungstätigkeit heraus sah Björn Rieckhoff immer wieder dasselbe Problem: Welche Fonds soll ein Gründer für eine anstehende Finanzierungsrunde ansprechen. Die Antwort: zehn Jahre Venture Capital, erster Mitarbeiter und später Partner bei Cavalry Ventures, rund 100 begleitete Transaktionen. Nephilia macht dieses Erfahrungswissen breiter zugänglich.
- Kein Interface, sondern ein Informationslayer: Nephilia ist ein MCP-Server, der in Claude, ChatGPT oder einen anderen Assistenten eingebunden wird. Die These dahinter: Für eine ganze Tranche von Start-ups gibt es keine Begründung mehr für ein eigenes SaaS-Interface – Expertenwissen wird dort eingespielt, wo ohnehin gearbeitet wird.
- Was „qualifiziert" heißt: Ein Intake-Gespräch im Client erfasst das Vorhaben strukturiert, wie es ein Investor tun würde. Darauf folgt ein deterministisches, wiederholbares Matching gegen die Investorendatenbank – und dann der Deep Dive: tatsächliches Deployment-Verhalten, Lead oder Nicht-Lead, der richtige Ansprechpartner auf Team-Ebene. Kein Sales-Tool, sondern die Informationen für die Ansprache.
- Faktenwissen statt Flurfunk: Bewusst keine Investorenbewertung à la Glassdoor oder Kununu – wer zwei Wochen nicht auf E-Mails antwortet, zeigt sich im Deployment-Verhalten, nicht als Meinung. „Sprich den nicht an" basiert auf Fakten: Dieser Fonds investiert schlicht nicht in dein Feld. Datenbasis: Europa und USA, in der Tiefe DACH-fokussiert, mit dem Handelsregister als Hard-Fact-Quelle.
- Grenzen historischer Daten: KI, Defense Tech, Brain-Computer-Interfaces – neue Themen haben noch kein Deployment-Verhalten. Nephilia kann nur auf verfügbaren Daten aufbauen; „Why we invested"-Statements als weitere Schicht und ein Feedback-Loop aus der Nutzung sollen die Lücke perspektivisch schließen. Ehrlich gesagt: Man rennt ein Stück hinterher – und das Tool darf keine Quacksalber belohnen, die nur viel indexierbar kommunizieren.
- Bewusst kein Agentic Fundraising Framework: Kein Pitch-Deck-Bau, kein automatischer Outreach. Björn hat noch keinen Gründer getroffen, der seine Investoren-E-Mails komplett aus der Hand gegeben hätte – die Frage, von wem man Geld nimmt, ist dafür zu zentral. Dafür braucht es eine verlässliche Datenbasis, und die liefert Nephilia. Ebenso bewusst: nur für Gründer gebaut, kein Dealflow-Tool für VCs.
- Pricing und ICP: Flat pro Runde statt Subscription – 900 Euro für Pre-Seed (bis 1,5 Millionen), Seed (1,5 bis 7 Millionen) dazwischen, 2.500 Euro für Series A (7 bis 20 Millionen). Idealer Nutzer: eine Seed-Company aus Zentraleuropa. Und die Bau-Erkenntnis: Der MCP-Server selbst war ein bis anderthalb Monate Arbeit; das eigentliche Produkt sind Datentiefe und die Engine dazwischen – und das Wissen, warum man es genau so baut.
Transkript
Das folgende Transkript wurde für die Lesbarkeit bearbeitet. Inhalt und Aussagen wurden nicht verändert.
Jan Thomas: Björn, hi, freut mich.
Björn Rieckhoff: Hallo Jan, freut mich ebenso.
Jan Thomas: Cool, dass du hier bist, muss ich sagen. Und cool, was du mitgebracht hast – richtig spannendes Thema. Ich habe gerade noch mal überlegt: Wenn ich dich in den letzten Monaten hier im Podcast angekündigt habe, haben wir immer darüber gesprochen, dass du ursprünglich mal bei Cavalry Ventures warst und jetzt Business Angel und Advisor bist. Das ändert sich gerade.
Björn Rieckhoff: Ein bisschen, habe ich das Gefühl. Das ändert sich gerade ein bisschen. Ich gehe so ein Stück weit in eine Operating-Rolle rein – wir haben im Vorgespräch darüber gesprochen, wie so viele aktuelle oder ehemalige VCs gerade. Ich bin tatsächlich dabei, einen Informationsdienst aufzubauen. Aus der Beratungstätigkeit heraus ist das entstanden, weil ich dort immer wieder dasselbe Problem gesehen habe – können wir gleich im Detail besprechen, was das ist. Und ich baue gerade nephilia.ai auf, als Informationsdienst für Gründer, um deren Fundraising zu unterstützen.
Jan Thomas: Jetzt sage ich ja immer den Leuten, die Podcast-Werbung machen möchten: Im Podcast muss man auf Phonetik aufpassen. Nephilia schreibt sich nicht mit F, sondern mit PH. Der Link ist in den Show Notes, da kann man sich jetzt schon anmelden – das habe ich schon mal vorweggenommen.
Björn Rieckhoff: Es ist im Prinzip jetzt eine Public Beta, wenn du so möchtest – in dem Moment, in dem wir darüber sprechen.
Jan Thomas: Genau. Link wie gesagt in den Show Notes, und dann lasst uns mal einsteigen. Das ist ja hochinteressant. Du sagst gerade, das ist aus einem Problem heraus entstanden. Finde ich gut, wenn wir mit dem Problem beginnen.
Björn Rieckhoff: Ich habe im Vorfeld tatsächlich ein gutes Zitat von Florian Heinemann gesehen. Der fragt ganz gerne: „What is my right to play?" – um eine Entscheidung zu treffen. Und ich fand das ganz passend, weil ich mich selbst gefragt habe: Warum baue ich eigentlich selber etwas auf? Ich habe den Eindruck, mit Nephilia läuft bei mir ein bisschen was zusammen, was sich über die letzten zehn Jahre angesammelt hat. Du hast es schon gesagt: Ich bin damals erster Mitarbeiter bei Cavalry gewesen, habe mitgeholfen, den Fonds aufzubauen, viele Investments getätigt, viele Transaktionen begleitet – in der Summe sind das mittlerweile, glaube ich, an die 100 Transaktionen, wenn du die Beratungstätigkeit mitnimmst. Und in der Beratungstätigkeit habe ich mich häufig gefragt: Wie kann man das eigentlich breiter zugänglich machen, mehr Gründern helfen, auf dieses Erfahrungswissen aufzusatteln? Herausgekommen ist ein Produkt, das den Gründer in der operativen Vorbereitung seiner Finanzierungsrunde unterstützt. Nephilia ist im Endeffekt ein MCP, der als Informationslayer in den regulären KI-Assistenten eines Gründers eingebunden wird. Der nutzt ganz normal sein Claude, sein ChatGPT oder was auch immer, bindet – bleiben wir einfach mal bei OpenAI – ein Plugin ein, im Prinzip Nephilia, und hat darüber in seinem normalen Interface eine Informationsschicht, die ihm die notwendigen Details zur Investorenlandschaft da draußen gibt, um zu entscheiden, welcher Investor für seine Runde gerade passt.
Jan Thomas: Ich habe Nephilia hier gerade offen, und das sieht erst mal so aus, als könnte man es auch ohne MCP benutzen. Aber das mit MCP – habe ich dir auch schon erzählt, als wir telefoniert haben – finde ich sehr clever, muss ich sagen. Ich glaube, das passt super zu den Gewohnheiten: Wenn ich an unser Team denke oder an viele andere, die ich kenne, die verlassen Claude oder ChatGPT oder Claude Code de facto gar nicht mehr. Das heißt, du willst eigentlich gucken, dass du die Informationen, die du brauchst, dorthin pullst.
Björn Rieckhoff: Genau das. Es ist mittlerweile, glaube ich, hinfällig – und da spreche ich jetzt nicht nur über Nephilia, sondern allgemein über Start-ups: Es gibt so eine Tranche an Start-ups, wo ich einfach keine Begründung mehr für ein Interface sehe. Du brauchst kein klassisches SaaS-Interface mehr, musst dich überhaupt nicht mehr damit abmühen, das zu bauen oder zu kopieren, sondern es geht eher darum, Informationen zur Verfügung zu stellen. Und da ist MCP als Protokoll im Prinzip das Beste, um das zu tun – und auf das Wissen aufzusatteln, das die Generalisten ohnehin schon anbieten. Das ist eine sehr schöne Symbiose, um Expertenwissen in das Gespräch einzuspielen und verfügbar zu machen.
Jan Thomas: Ja. Und vielleicht noch mal, bevor wir darüber sprechen, welche Daten hier verfügbar sind und man per MCP ranziehen kann: Du hast gerade gesagt, rund 100 Transaktionen hast du begleitet. Was sind die Learnings, die für dich besonders relevant waren und die dazu geführt haben, dass du gesagt hast, es braucht noch mal einen Informationslayer – um Gründern zu helfen, nicht in Situationen reinzukommen, wie du sie vielleicht schon ein paarmal gesehen hast?
Björn Rieckhoff: Ich glaube, es gibt zahlreiche Punkte, die man da aufführen kann. Ich bin das ganze Thema aus der Perspektive eines Gründers angegangen, der zum ersten Mal vor diesem Fundraising-Problem steht. Wir sprechen also nicht notwendigerweise über den Serial Entrepreneur, der zum nächsten Mal raist – Randnotiz: Auch der kann davon profitieren, natürlich. Aber jemand, der erstmalig damit Kontakt hat, braucht irgendwo einen Starting Point: Welche Investoren gibt es überhaupt, wie klassifiziere ich die und so weiter. Wenn ich an meine Cavalry-Zeit denke – 2016 habe ich angefangen, dort zu arbeiten, da war KI noch kein großes Thema. Da gab es noch ganz händisch gepflegte Listen, die irgendwie im CRM getrackt wurden. Und dann bist du als VC hingegangen, um deine Gründer zu unterstützen, und hast Filter gesetzt nach Geografie, nach Stage, nach Industrie und dergleichen, um darüber eine Shortlist herauszuarbeiten.
Jan Thomas: Also eigentlich schlagwortbasiert.
Björn Rieckhoff: Das war eigentlich schlagwortbasiert, und du hattest dann immer noch keine qualifizierte Liste im Sinne von: Deep Dive in deren Portfolio, wie ist das tatsächliche Allokationsverhalten? Sondern du hast auf Hörensagen und die verfügbaren Informationen aufgesattelt, die du irgendwo gefunden hast. Das Ganze hat sich natürlich weiterentwickelt; mittlerweile ist die Welt ein bisschen schlauer geworden, wie man das macht. Randnotiz: Ich sehe immer noch VCs, die genauso agieren. Und überraschenderweise auch in den Beratungsmandaten – wenn da ein Gründer in seinem Investorenkreis fragt: „Wen sollte ich für die nächste Runde ansprechen?", kommt leider immer noch die E-Mail mit den im Prinzip unqualifizierten fünf Namen, die gerade top of mind sind, ohne dass da irgendjemand in die Recherche oder in die Qualifizierung gegangen ist. Und dann sitzt der Gründer da und fängt selber an zu recherchieren und benutzt die allgemeinen Tools. Du kannst dich natürlich auch an Crunchbase, Carta und Co. anschließen oder sogar ein Fundraising-CRM bemühen. All das ist total fair. Ich habe bloß immer den Eindruck: Auf der einen Seite ist es ein Preisthema, weil die Sachen häufig Later-Stage-bepreist sind. Und auf der anderen Seite ist es auch ein Thema von – wie du vorhin sagtest – wo lebt eigentlich das Wissen und wo ist es handhabbar? Ich denke einfach: Ich brauche nicht ein paralleles Tool, um meinen Fundraise zu begleiten, sondern ich möchte es im Gespräch dynamisch verfügbar halten. Und da geht dann nicht viel hin und her, sondern es gibt dir eine qualifizierte Shortlist von Investoren, die du punktuell immer weiter ausdehnen kannst, Deep Dives machen kannst und dergleichen.
Jan Thomas: Was heißt denn für dich „qualifiziert"? Was ist das hinterher? Du hast gerade gesagt, die typischen Listen haben keinen Deep Dive in die Portfolios. Ist das die Qualifizierung? Oder ist es eher Feedback aus dem Markt? Was ist wichtig?
Björn Rieckhoff: Ganz viele verschiedene Dinge – und das ist auch eine dynamische Liste, die sich ständig erweitert. Womit ich angefangen habe, war ganz klassisch: das Vorhaben eines Gründers strukturiert abzuspeichern und mit denselben Tags zu versehen, wie man das auf Investorenseite machen würde. Du hast im Prinzip einen Erfassungsbogen – auch der ist nicht auf der Website, sondern findet in einer Art Intake-Gespräch im Client statt, wo der Gründer oder die Gründerin erklärt: Was ist das Problem, was die Lösung, wo stehe ich eigentlich, wonach suche ich investorenseitig, was brauche ich für Kompetenzen, welche Zielgruppe habe ich – ist das Enterprise, ist das B2C oder dergleichen. Daraus habe ich dann eine Ableitung auf die Investorendatenbank, die ich mir aufgebaut habe. Und da findet erst mal ein deterministisches Matching statt. Das ist wiederholbar – und das ist schöner, als wenn ich in zwei unterschiedlichen Clients unterschiedliche Antworten kriege; ich habe immer wieder dasselbe. Dann geht es tiefer, und es geht eher um das aktuelle Deployment-Verhalten: Welche Unternehmen wurden in der Vergangenheit finanziert? Kann man da Trends ableiten? Kann man sehen, ist das ein Lead-Investor oder kein Lead-Investor? Auf Team-Ebene abgeleitet: Wer wäre gegebenenfalls für den entsprechenden Bereich verantwortlich, um einen konkreten Ansprechpartner zu identifizieren? Und da sage ich auch: Da geht es mir weniger darum, ein Sales-Tool zu bauen. Das möchte ich nicht, davon gibt es schon reihenweise. Es geht mir darum, die für die Ansprache notwendigen Informationen zu liefern.
Jan Thomas: Was macht einen guten Investor aus im Vergleich zu einem nicht guten? Das ist gar nicht so sehr die Frage nach „passend", sondern eher: Was sind Dinge, auf die man achten würde, wenn man dann mit dem Investor zusammensitzt? Ich frage auch dahingehend: Viele sagen ja, der beste Draht zu einem Investor ist der persönliche Kontakt, entweder direkt oder über Bande. Und dann hat das viel damit zu tun, dass man nicht nur die Ausrichtung des VCs kennt, sondern auch weiß, was das für Personen sind, für Akteure. Und es kann ja sein, dass die Person, an die du gerätst, vielleicht nicht die ist, mit der die Harmonie stimmt – einmal vorsichtig gesagt.
Björn Rieckhoff: Das ist hundertprozentig so. Und da muss ich sagen: Das ist eine Einschränkung, die ich sehr bewusst getroffen habe. Es ist zwar mein – wenn du so möchtest – verklausuliertes Branchenverständnis und Wissen, das da drin steckt. Auch in der Bewertung, wie das zusammenkommt, wie diese Shortlist generiert wird, fließt meine persönliche Meinung ein – in den Wertungsalgorithmus sozusagen. Das ist allerdings keine persönliche Meinung, wenn es darum geht, ob der Investor was taugt oder nicht. Das ist einfach neutral. Da ist keine Bewertung drin.
Jan Thomas: Weil das gibt es ja manchmal schon. Ich kenne solche Vorhaben – ich weiß nicht, ob es eine Plattform gibt, die das durchgezogen hat –, die versuchen, Gründerfeedback einfließen zu lassen. Ein bisschen wie Glassdoor oder Kununu für Arbeitgeber, dann im Prinzip für VCs. Oder auch für Business Angels. Vielleicht können wir auch mal darüber sprechen, welche Art von Investoren man bei dir findet und welche nicht – weil Business Angels vielleicht noch mal intransparenter sind als der VC-Markt.
Björn Rieckhoff: Das war tatsächlich aktuell auch für mich ein Fokusfeld, um die Coverage auszubauen und die Tiefgründigkeit reinzubringen. Was mir wichtig ist: Faktenwissen zu vermitteln. Es soll nicht der Flurfunk zwischen den Gründern werden, der sich da abbildet. Wenn jemand zwei Wochen nicht auf die E-Mail antwortet, dann antwortet er zwei Wochen nicht auf eine E-Mail. Das wird hinterher vielleicht im Deployment-Verhalten oder in den Allokationen der Runde deutlich, aber nicht notwendigerweise explizit auf Nephilia genannt. Es geht mir eher darum, relativ frühzeitig zu sagen: Sprich denjenigen nicht an. Aber das basiert dann auf einer Faktenlage im Sinne von: Dieser Investor investiert einfach nicht in deinen Bereich. Weniger auf: Der Investor ist vielleicht nicht responsive. Es geht darum, die notwendigen Informationen zu liefern, damit der Gründer selber entscheidet.
Jan Thomas: Wenn man sich die Arbeitgeberbewertungsportale anguckt, dann ist es ein bisschen wie bei Google Maps oder Restaurantkritiken: Es melden sich die zu Wort, die entweder total begeistert oder genervt sind. Die große Mitte, die das objektivste Bild abgeben könnte, macht das nicht. Von daher verstehe ich das. Dein Ziel ist ja wahrscheinlich auch, den Gründern bei der richtigen Entscheidung zu helfen und dann aber auch Zeit zu sparen. Denn wenn ich hinterher mit den „falschen" – in Anführungszeichen, weil vielleicht nicht jeder zu mir passt – relativ viele Calls mache, hinterhertelefoniere und hinterherlaufe, ist das natürlich zu vermeiden.
Björn Rieckhoff: Das ist im Prinzip eines der Wertversprechen, das ich habe: dass du dir operativ Zeit sparst im Fundraising. Ob das dann erfolgreicher ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, auf die man keinen Einfluss hat – es wäre nicht legitim, das zu proklamieren. Aber was schon so ist: Du vermeidest vorausschauend die Gespräche, in denen jemand – nachdem du vielleicht zwei, drei gute Kontaktpunkte hattest – sagt: „Ah nee, das machen wir aktuell gar nicht." Und dann kriegst du eine komplett generische Antwort. Ich will nicht sagen, das passiert dir mit Nephilia nicht mehr, das wird schon auch noch passieren. Aber ich gehe davon aus, dass du sehr viel davon rausfiltern kannst, indem du zumindest erst mal die relevanten Partner hast. Randnotiz: Ehrlicherweise finde ich das auch aus VC-Sicht ganz spannend, weil das Interesse beidseitig gegeben ist, dass die Informationen, die dahinterliegen und mit denen ich arbeite, präzise sind – weil das dem VC im Zweifel einen besseren Funnel gibt, statt das Gros an Investment-Opportunitäten zu bearbeiten, das sowieso nicht in den Fokus passt.
Jan Thomas: Das wäre wünschenswert. Zeitgleich kenne ich sehr, sehr viele VCs, die sich hier im Podcast oder auf Veranstaltungen immer damit brüsten, wie viele Deals sie im Jahr sehen. Das ist so eine Kennzahl, wo du denkst: Okay, du siehst 10.000 Deals, machst aber zehn Investments – Glückwunsch zur Effizienz. Deswegen wäre es wünschenswert auf beiden Seiten, dass du von vornherein weißt, wen du ansprechen musst, und der VC nur passenden Dealflow bekommt. Ob das die KPI ist, die der VC wirklich optimieren möchte, weiß ich nicht genau.
Björn Rieckhoff: Nö. Ich habe mich persönlich immer dagegen gewehrt, so eine KPI prominent zu listen, weil ich sie völlig belanglos fand – aber da gab es auch unterschiedliche Stimmen im Fonds. Fair enough. Aber wie gesagt: Ich habe Nephilia aus Gründersicht gebaut, um den Gründern in dem Prozess zu helfen. Das ist kein Tool, das Dealflow für VCs zur Verfügung stellt – auch perspektivisch nicht. Ich hielt es in gewisser Weise für einen Konflikt, auf beiden Seiten zu monetarisieren. Frag mich in drei Jahren noch mal, vielleicht denke ich dann anders darüber, aber es ist eine interessante Position.
Jan Thomas: Nee, das ist, glaube ich, wichtig. Da wäre ich erst mal bei dir: dass man nicht Anwalt beider Seiten ist, sondern sagt, ich konzentriere mich auf eine Seite und versuche, für die zu optimieren.
Björn Rieckhoff: Ganz genau. Und ich glaube, als jemand, der die Dynamiken gesehen hat und versteht, kann man da sehr viele Signale rauslesen, die du durch eine generalistische Anfrage an Claude oder ChatGPT nicht abdecken könntest. Zum einen ist die Tiefe eine andere. Zum anderen gibt es sehr, sehr viele Dynamiken, die ich selbst erst noch entdeckt habe, während ich das Ganze gebaut habe – also das Verhalten des MCP definiert habe –, wo man viel tiefer eindringen kann. Nicht nur das Deployment-Verhalten und die Abdeckung gewisser Geografien, Industrien, Zielgruppen, Fokus und dergleichen, sondern auch: Was hast du im Zweifel für eine LP-Basis? Das ist aktuell noch nicht implementiert, weil es noch ein bisschen zu oberflächlich wäre, um darauf eine Bewertung laufen zu lassen. Aber perspektivisch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dieser Direct Access, der sich dadurch äußert, eine Rolle spielen kann, um einen Fonds für den Gründer zu qualifizieren. Und es geht gar nicht darum, zu sagen, der rankt höher als der andere, sondern dem Gründer eine objektive Notiz zuzuspielen: „Pass auf, du bist in einem Bereich, da könnte LP XY für dich ein toller Ansprechpartner sein – der übrigens bei dem und dem Fonds investiert ist" – um einfach Zugang aufzuzeigen.
Jan Thomas: Gibt es für dich ein ICP gerade – der ideale Gründer oder das ideale Gründungsteam, mit dem man starten sollte oder mit dem du dich gerade am wohlsten fühlst?
Björn Rieckhoff: Ich glaube, eine Seed-Company.
Jan Thomas: Aus Deutschland?
Björn Rieckhoff: Ich würde sagen Zentraleuropa. Der Korpus, die Datenbank, deckt eigentlich renommierte Investoren in Europa und auch den USA ab, aber ich persönlich habe in der Tiefe der Information aktuell sehr stark den Fokus auf Europa gelegt. Das ist auch mein Antrieb: Ich will eine tiefgründige Abdeckung in Europa haben. DACH ist sicherlich am tiefgründigsten. Das hat damit zu tun, wie die Datenquellen angeschlossen sind: Die Coverage von Commercial Registern in Südeuropa ist aktuell noch nicht tiefgründig genug, als dass ich das programmieren würde. Aber das Handelsregister ist beispielsweise schon drin, und dann baust du auf den Hard Facts des Handelsregisters auf, was natürlich verlässlicher ist als die Medienlage. ICP, würde ich sagen, auch daher – ich habe häufig genug mitbekommen: Bei Pre-Seed-Gründern geht es auf der einen Seite um Preisbereitschaft, auf der anderen Seite darum, überhaupt erst eine eigene Erfahrung mit Fundraising zu entwickeln. Jemand, der es noch nie gemacht hat, weiß im Zweifel auch nicht, wie painful es ist. Und vielleicht muss er erst mal durch diesen Loop von „Ich habe mit ganz vielen leider nicht relevanten Investoren gesprochen", um das zu realisieren.
Jan Thomas: Sorry, wenn ich unterbreche – ich glaube, ich würde sowieso nicht losrennen und sofort mit meinen Top-5-Wunschinvestoren sprechen, sondern mir erst mal eine blutige Nase holen bei, sagen wir mal, zehn Wegwerfinvestoren auf meiner Liste, einfach um meinen Pitch zu üben.
Björn Rieckhoff: Kannst du natürlich machen, steht dir völlig frei. Du kannst die Liste, die ich dir gebe, auch umdrehen – oder Nephilia einfach fragen: „Such mir mal bitte welche, die überhaupt nicht passen."
Jan Thomas: Nee, aber es wäre, glaube ich, nicht klug, direkt reinzugehen und sich bei seinem Traumdate total zu verhaspeln oder so. Da gebe ich dir schon recht.
Björn Rieckhoff: Da gibt es natürlich eine ganze Ebene, die du nicht begleiten kannst. Deswegen habe ich mich auch dazu entschlossen, erst mal sehr spitz einen Informationsserver für diesen Bereich aufzubauen und nicht eine End-to-End-Coverage, wie du das teilweise siehst – „das ist jetzt dein agentic fundraising framework, wir bauen dir das Pitch Deck, wir identifizieren die Investoren, wir schicken die Anfragen raus und führen dann noch den operativen Prozess durch". Das wollte ich explizit nicht bauen, weil ich daran glaube, dass der Gründer oder die Gründerin bei einer so zentralen Fragestellung wie „Von wem nehme ich eigentlich das Geld auf?" immer eine sehr, sehr starke Meinung haben wird – und die Bereitschaft, das komplett aus der Hand zu geben, überschaubar groß sein wird. Meine Erfahrung ist: Trotz des gesamten Toolings da draußen habe ich bisher keinen Gründer getroffen, der die Outreach-E-Mails nicht selber verfasst hat oder zumindest der Human in the Loop war, der sie noch mal redraftet. Das zeigt einfach, dass die Relevanz zu groß ist, als dass du das hundertprozentig automatisierst. Aber du solltest natürlich auf einer verlässlichen Datenbasis arbeiten – und die möchte ich zur Verfügung stellen.
Jan Thomas: Und diese Datenbasis – jetzt vielleicht noch mal, um nach möglichen blinden Flecken zu suchen: Ich höre raus, es gibt eine gewisse Tiefe in Europa und Zentraleuropa, in den USA eine gewisse Breite. Das heißt, es ist sektoragnostisch, höre ich raus. Das Start-up im Seed-Bereich müsste nicht aus einem bestimmten Sektor kommen?
Björn Rieckhoff: Nö, das nicht. Natürlich gibt es – schau dir die allgemeine Investorenlandschaft da draußen an – mehr General-Tech-Fonds, als du Biotech- und Pharmafonds siehst.
Jan Thomas: Ja, aber das ist ja entsprechend auch wichtig, dass man die dann eben über dich finden kann.
Björn Rieckhoff: Genau. Was mir für den Launch wichtig war – ich habe das selbst ein bisschen „High Profile" genannt: Das sind Fonds und Investoren, die historisch gesehen eine gute Reputation haben und dementsprechend auch eine gute Press Coverage genießen. Die sind vor allen Dingen im Fokus gewesen. Die Blöße, dass jemand, der auf der Midas-Liste steht, in Nephilia nicht auftaucht, wollte ich mir nicht geben. Darum ging es mir im Prinzip.
Jan Thomas: Ja, vollkommen klar. Das ist auch das Beispiel, worauf ich hinauswill, weil das ja alles retrospektiv ist – das sind alles historische Analysen. Nehmen wir ruhig mal KI: KI kam irgendwann auf, und das hatte fast kein VC so richtig auf dem Zettel. Also, Fly Ventures hier aus Berlin, die rennen schon seit Jahren rum und sagen, das wird kommen, aber der ChatGPT-Moment war für die ganze Szene der Wendepunkt. Das Gleiche mit Defense Tech – das hat sich langsam verändert, erst Dual-Use und dann richtiges Defense Tech. Worauf ich hinauswill: Wie machst du das, wenn neue Themen kommen, in die quasi noch nicht investiert wurde? Wie geht man damit um?
Björn Rieckhoff: Du kannst im Prinzip bloß die Daten als Grundlage nehmen, die aktuell verfügbar sind. Für Aktuelleres habe ich natürlich selber ein Ohr im Markt und lasse das auch in die Datenbank einfließen, aber ich habe als Einzelperson nicht die Coverage, die ich bräuchte, um das repräsentativ zu machen. Man muss natürlich schon sehen, dass diese getrackten Dinge – aktuell sind auch Robotics und Foundation AI getaggt – mit der Zeit gehen. Ich gehe davon aus, dass das eine gewisse Dynamik hat, wenn das Tool in Nutzung ist, weil du auch eine Art Feedback-Loop hast, basierend auf den Gründern, die es nutzen: Wo investiert welcher Fonds rein, was sind die Datenpunkte?
Jan Thomas: Also das machst du auch – so einen Feedback-Loop, in dem die Nutzer Daten mitgeben?
Björn Rieckhoff: Ja, das geht über MCP ganz gut, diese Rückmeldungen zu sammeln. Wie bereit jeder Gründer ist, das dem Tool zur Verfügung zu stellen, ist die Frage. Ich würde auch nicht sagen, dass Nephilia da aktiv nachhakt – aktuell nicht. Kann man zukünftig irgendwann machen, vom Verhalten des Servers her. Aber da wird keiner gezwungen, preiszugeben, wie das Fundraising läuft. Perspektivisch kriegst du dadurch natürlich schon die aktuellen Trends mit. Aber natürlich rennst du ein bisschen hinterher, basierend auf dem aktuellen Deployment-Verhalten, das als Grundlage für die Bewertung der Fonds genutzt wird.
Jan Thomas: Ja, weil es gibt Themen, die sind relativ trivial – E-Commerce oder Food and Beverage oder so etwas. Da wirst du relativ schnell wissen, wer da reininvestiert und wer nicht. Aber sobald man spezialisierter wird – wir beide haben mal über Oura gesprochen. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, ich mache einen Oura-Wettbewerber aus Deutschland heraus: Da gibt es in Deutschland vermutlich wenige VCs, von denen man sofort wüsste, dass die sich das angucken, weil in den Bereich hier gar nicht investiert wurde. Wearables und so etwas sind ein bisschen ein blinder Fleck. Und wenn du das weitertreibst – ich weiß nicht, wie du darauf guckst, aber dieses Thema Singularität und Mensch-Computer-Schnittstellen wird immer mehr zunehmen. Das ist wahrscheinlich bei den meisten VCs momentan noch ein verpöntes Thema, aber wenn du dir Neuralink oder so anschaust: Früher oder später werden die Themen kommen. Und dann wüsste ich mit Menschenverstand gar nicht – da geht es gar nicht so sehr um Schlagwort-Matching – wie man vorgeht, um nicht hundertmal danebenzuschießen. Redet man dann doch wieder mit einem Generalisten wie HV Capital zuerst oder mit totalen Deep-Tech-VCs?
Björn Rieckhoff: Ja, ist ein gutes Beispiel. Wie du sagst: Das ist nichts, was ein Fonds aktuell als sein Mandat definiert. Das ist ever emerging. Ich glaube, es hilft da, auch so einen Informationslayer ranzubauen – „Why we invested in", diese ganzen Blogposts, im Prinzip die Branchen-Statements.
Jan Thomas: Und das liest du auch aus?
Björn Rieckhoff: Es ist natürlich nicht so, dass ich zum Launch alles, was in meinem Kopf rumgeistert, komplett produktisiert habe. Das nicht. Aber ich würde denken, das ist auf jeden Fall ein Layer, der zukünftig dazukommen kann. Ich habe es auch bewusst nicht als reines Fundraising-Tool positioniert, sondern es soll perspektivisch ein Informationsservice für Gründer sein. Dazu gehört im Zweifel auch zu sagen: „Schau mal, dein Start-up sieht gut aus – aber in all fairness, der Trend gerade, das Deployment-Verhalten der General-Tech-Fonds, das läuft gerade leider gegen dich." Es geht gar nicht darum, dem Gründer zu sagen, das taugt nichts, sondern eine Erwartungshaltung zu setzen, um die Gespräche, die der Gründer führt, zu unterstützen. Das ist mir in der Beratungstätigkeit und auch vorher im Portfolio-Management aktiv aufgefallen: Die Entscheidungen der anderen Fonds kannst du selber nur bedingt beeinflussen – Randnotiz: Du weißt es vorab auch selten. Aber du kannst dem Gründer aktiv sagen: Du solltest in dieser Situation eher mit 50 Fonds sprechen als nur mit fünf, einfach weil das Thema vielleicht nicht so richtig landet. Genau dahin soll es sich entwickeln: dass der Gründer oder die Gründerin eine Guidance vorfindet und nicht wie der Ochs vorm Berg steht und nicht weiß, wie er das Thema angeht.
Jan Thomas: Eigentlich wäre so ein Scoring am Anfang ganz cool. Dass es dir sagt: „Hey, das wird ganz schön anstrengend, was du dir da vorgenommen hast beim Fundraising." Von 0 bis 100 – das wäre ein sicherer Home Run innerhalb von drei Tagen versus 50 VCs und drei Monate musst du einplanen.
Björn Rieckhoff: Aber aus meiner Erfahrung weiß ich: Da vertut man sich doch ganz gerne. Selbst bei den Dingen, wo man sagt, du hast sämtliche KPIs übererfüllt, die du für eine Series A bräuchtest, habe ich schon – ich will nicht sagen, die Pferde kotzen sehen –, aber das dauert dann doch überraschend lange, weil man immer irgendwas findet, wenn man nicht hundertprozentig überzeugt ist.
Jan Thomas: Nee, ich finde auch: Wenn ich jetzt nach weiteren Daten frage, wie es in den komplizierteren Fällen wird, und du sagst, man kann dann auch Blogposts und so etwas auslesen – das würde ich an deiner Stelle am Anfang gar nicht machen. Man muss Pareto-mäßig vorgehen: Einen Großteil der Fälle kann ich mit dem und dem Aufwand abdecken, und wenn es in die Spezialdisziplin geht, dann wahrscheinlich erst, wenn das Tool etabliert ist, wenn dieser Feedback-Loop etabliert ist.
Björn Rieckhoff: Genau. Und es darf natürlich nicht – ganz banal – Quacksalber belohnen. Also jemanden, der einfach nur super viel kommuniziert.
Jan Thomas: Auf VC-Seite? Gibt's so was?
Björn Rieckhoff: Wer sehr viele Informationen indexierbar macht, profitiert natürlich davon, dass er irgendwo höher gelistet wird. Aber das ist das klassische SEO- und GEO-Verhalten, und das findet sich in gewisser Weise auch in Tools wie Nephilia wieder – das ist einfach so. Jemand, der Hedosophia-mäßig kein einziges Wort nach draußen sagt – naja, da kann man im Zweifel auch weniger rauslesen, außer aus dem aktiven Deployment-Verhalten. Kannst du trotzdem als High-Profile-Investor setzen.
Jan Thomas: Interessant. Das ist aber wahrscheinlich eins der wenigen Beispiele, die wirklich total verschwiegen sind, wo man wenig weiß.
Björn Rieckhoff: Ja, würde ich auch denken, gerade aktuell.
Jan Thomas: Und sag mal, noch mal ein bisschen zu den Gefahren – wir haben jetzt sehr viel über die Stärken gesprochen. Im Zeitalter von KI ist das Thema Daten, vor allem ein datenbasiertes Business, in der Regel eher eins mit schwieriger Zukunftsperspektive. Machst du dir keine Sorgen, dass das, was heute funktioniert, in zwei Jahren Common Knowledge ist – dass fast jeder diese Informationen auch über Claude und Co. bekommt?
Björn Rieckhoff: Die Situation ist ja jetzt schon so, gar nicht erst in zwei, drei Jahren: Wenn du die Daten, die eine Crunchbase, eine Carta oder im Zweifel ein Handelsregister-API-Anbieter hat, strukturiert auswerten würdest, denke ich schon, dass du relativ weit kommst. Ich muss aber selber sagen: Im Aufbau der ganzen Datenbank und dieser Datenbasis habe ich gemerkt, dass hier und dort immer richtungsweisende Entscheidungen zu treffen sind – im Sinne von: Laufe ich links lang, laufe ich rechts lang –, wo mir einfach mein Hintergrund hilft. Ich habe es vor allen Dingen für mich selbst gebaut und dann breiter ausgelegt. Und klar, Datenbasis ist ein Thema. Wenn man sagen würde, ich habe die breiteste, dann rennt man nur hinterher – dann bist du die ganze Zeit dabei, Anbindungen zu bauen, und bist trotzdem hinten dran. Was interessant ist, ist die Nutzung: dass du die Insights im Zweifel früher kriegst als der andere. Dass du merkst: „Hey, Cherry investiert gerade hier und hier, und da vielleicht nicht." Diesen Feedback-Loop als Flywheel zu etablieren, das kann spannend sein. Plus: Mir persönlich geht es nicht darum, Aggregator zu werden, weil da verliere ich immer. Sondern eher darum, diese Judgment-Ebene reinzuziehen: Was mache ich mit den Informationen? Und wie nutze ich sie bestmöglich für den – arguably – sehr spitzen Anwendungsfall, wenn man das in der Breite der Wirtschaft sieht: Pre-Seed- bis Series-B-Runden von Technologieunternehmen. Unheimlich spitz.
Jan Thomas: Spannend. Ein anderer Punkt, der wahrscheinlich mit reinspielt: das Thema Seed-Strapping. Siehst du das als etwas, das bei dir was verändert? Wir reden jetzt gerade über VCs – aber vielleicht wird das Thema VC für viele gar nicht mehr relevant, sondern man sagt: Ich baue mir eine Early-Stage-Runde zusammen von ein, zwei Millionen, und das ist es dann. Und damit baue ich einen AI-Wrapper oder irgendein Tool – so wie du es gebaut hast; wir können gleich noch darüber sprechen, wie. Ich finde das total krass, wie wir alle plötzlich zu Codern und Produktdesignern werden. Du hast das jetzt alleine gebaut. Das ging vor ein paar Jahren noch gar nicht, war undenkbar. Da hättest du eine Anschubfinanzierung gebraucht. Und viele, die jetzt eine App rausbringen, sagen: Ich baue das, aber ich brauche noch ein bisschen Marketingbudget oder zwei, drei Leute im Team – und das ist es dann auch, damit müssen wir eigentlich schon profitabel werden können. Ändert das den Umgang mit deinem Tool oder die Perspektive auf dein Tool?
Björn Rieckhoff: Perspektive sicherlich. Es ist natürlich ein Tool, das auf Venture Capital als Markt ausgerichtet ist. Wenn es Venture Capital allgemein schlecht geht und jeder sein Business ohne VC-Money aufbaut, dann schaue ich auch in die Röhre, natürlich.
Jan Thomas: Seed-Strapping muss ja nicht komplett gegen VC sein, es gibt wahrscheinlich beide Wege. Aber als Gründer ist es natürlich so: Wenn du einmal diesen Weg einschlägst, dann musst du – der Logik des VC folgend – irgendwann auch einen Exit machen.
Björn Rieckhoff: Eines der häufigsten Gespräche, das ich ganz, ganz früh in meinen Advisory-Mandaten führe, ist die grundlegende Frage: Von wem nehme ich Geld auf – und sollte ich das überhaupt tun? Auch wenn ich mein ganzes professionelles Leben im VC-Bereich verbracht habe, bin ich nicht notwendigerweise Advokat dafür, dass das zu jedem Business passt. Ganz und gar nicht. Wenn du in der Lage bist, ein Business ohne externes Geld aufzubauen – umso besser. Super. Aber diese Optionalität zu haben, in einer gewissen Phase – wegen Wettbewerbsdruck, Wachstumsgedanken und dergleichen – auf ein funktionierendes Geschäftsmodell noch mal Geld draufzuwerfen, das fand ich persönlich immer ganz clever. Da gibt es sehr, sehr schöne Fälle. Und ich glaube auch, wenn es um Exits geht: Den Gründern, die sehr bedacht mit Investorengeldern umgegangen sind, geht es monetär nicht notwendigerweise schlechter als denjenigen, die sich Geld ohne Ende haben draufwerfen lassen.
Jan Thomas: Da haben wir ein paar prominente Beispiele – so etwas wie Bending Spoons würde wahrscheinlich anders gar nicht existieren. Und teile vielleicht noch mal ganz kurz deine Learnings: Wenn jetzt jemand mit einer Idee herumläuft und sagt, so eine MCP-Geschichte, irgendein Datenthema, würde ich auch gerne bauen – wie lange dauert so etwas im Aufbau? Wir haben vor ein paar Monaten schon mal darüber gesprochen, aber ich kenne deine Timeline nicht, Mannstunden und so etwas – oder Tokens, wahrscheinlich ist das die richtige Größe.
Björn Rieckhoff: Das lässt sich schon machen. Die eigentliche Frage ist für mich nicht, ob sich das umsetzen lässt – code-seitig geht das schon –, sondern vielmehr: Was mache ich da, und warum mache ich das genau so, wie ich es mache? Das ist das Wissen, das wichtig ist, um das auszulegen, weil das kann dir auch keine AI abnehmen. Du kannst natürlich jede Empfehlung der AI hören. Biegst aber, glaube ich, dann schon dreimal falsch ab oder landest am Ende in einem Setup, das du gar nicht so haben möchtest – zumindest aktuell noch. Bei mir war der viel größere Teil von „Wie lange dauert das?" tatsächlich die Auseinandersetzung mit dem Thema. Und dann ist die Frage: Wo startest du die Zählung? Für mich basiert das, wenn du so möchtest, auf zehn Jahren Arbeitserfahrung in diesem Feld. Die unmittelbare Umsetzung – ich bin allein dran gewesen – würde ich für den MCP selbst auf einen Monat, anderthalb schätzen. Aber das ist eher Authentifizierung, Sicherheit, Verhalten des Servers. Die viel größere Arbeit ist die Datentiefe und die Engine dazwischen, die sagt: Was machen wir mit den ganzen Informationen?
Jan Thomas: Krass. Ich finde, es sieht super aus, ich finde die Idee toll. Zum Schluss: Mach du ruhig noch mal einen kurzen Werbeblock. Es ist ja jetzt schon nutzbar, man kann sich anmelden. Sag vielleicht auch etwas zum Pricing, wie du dir das gedacht hast – vielleicht auch, wer es nicht nutzen sollte, aber vor allem, wer es nutzen sollte.
Björn Rieckhoff: Wer es nutzen sollte – genau. Nephilia, erreichbar unter nephilia.ai, ist ein Informationsservice, der dir als Gründer hilft, von den Fonds zu raisen, für die dein Thema tatsächlich relevant ist. Man bindet es über einen MCP, über einen Connector, in den eigenen Assistenten ein – Claude, OpenAI, demnächst wahrscheinlich schon als offizielles Plugin gelistet, da bin ich gerade dran. Ich habe mich entschieden, das flat pro Runde zu machen. Das ist keine Subscription, sondern ein Fixpreis pro Runde: fängt an mit Pre-Seed für 900 Euro, bis Series A für 2.500. Ein bisschen kompatibel zur Zahlungsfähigkeit – und ehrlicherweise auch mit dem Gedanken, Pre-Seed-Companies zu unterstützen. Und mit Aufnahme dieses Podcasts ist es in der Public Beta, also frei verfügbar. Kann man kaufen.
Jan Thomas: Cool. Wie gesagt, ich finde es eine coole Idee. Pre-Seed heißt für dich dann aber – weil diese Begriffe immer ein bisschen aufweichen, der eine nennt es Series A, der andere eine Seed-Runde: Ist das hinterher am geplanten Raise gemessen?
Björn Rieckhoff: Ja. Ich sage Pre-Seed im Prinzip bis zu eineinhalb Millionen Finanzierungsvolumen, Seed-Runde wäre dann von anderthalb bis sieben, so habe ich das für mich klassifiziert, und Series A sieben bis zwanzig. Das sind die Korridore. Wenn man innerhalb dieser Bänder bleibt, ist das Pricing dasselbe. Wenn ich mit einer Million reingehe und mir hinterher von Nephilia die Lead-Investoren für eine 5-Millionen-Runde zusammensuchen lasse, reagiert der Server tatsächlich schon sinnvoll und fragt nach dem Top-up in die nächsthöhere Kategorie. Das ist jetzt nicht für die AI-Start-ups, die eine 50-Millionen-Seed-Runde machen – die sind mit „Seed" nicht gemeint.
Jan Thomas: Was glaubst du, in drei Monaten – wo ist dein stärkster Markt? Deutschland? Ich würde es mir ja wünschen.
Björn Rieckhoff: Für Zentraleuropa habe ich persönlich auch ein Herz. Ich glaube, die Investorenseite wird spannend sein: Ich glaube tatsächlich, ganz viele US-Fonds, die auch in Europa investieren, werden recht häufig angefragt werden. Wir sehen ja auch immer häufiger Companies, die früh von US-Fonds raisen – einfach weil AI-Verständnis, Ambitionslevel und das Verständnis für die entsprechenden Wachstumsraten der Businesses drüben ein bisschen nativer verankert sind als hierzulande vielleicht.
Jan Thomas: Ja, ich hatte eher mit Blick darauf gefragt: Klar würde man es sich wünschen, aber wo ist das Problem am größten? Es hätte ja sein können, dass du sagst: In Portugal und Spanien oder in Polen gibt es unglaublich viele Unternehmen, die sich eigentlich mit den zentraleuropäischen Fonds connecten möchten und weniger Transparenz über den Markt haben als die Deutschen. Deswegen dachte ich.
Björn Rieckhoff: Ja, spannend. Kann ich dir aktuell tatsächlich gar nicht sagen, aber ich hoffe, dass ich zukünftig ein paar Daten habe, um genau solche Fragen zu beantworten. Was Marktforschung angeht, ist das eine ganz spannende Position, in der man sich da befindet.
Jan Thomas: Cool, Björn, ich drücke die Daumen. Richtig cool. Ich mag alles, was unternehmerisch ist, und finde, das ist schon wieder der Beginn eines neuen Projekts. Haben wir irgendwas Wichtiges vergessen?
Björn Rieckhoff: Meinerseits nicht, nee.
Jan Thomas: Cool, dann wie gesagt: Link in den Show Notes. Und wir freuen uns, wenn das durch die Decke geht – dann machen wir irgendwann ein Update, oder jedes Mal, wenn wir sprechen, können wir kurz darüber reden.
Björn Rieckhoff: Ich würde mich freuen, wenn wir das machen, ja. Danke, Jan.
Jan Thomas: Bis dann.
Über Björn Rieckhoff
Björn Rieckhoff ist Gründer von Nephilia und Business Angel mit zehn Jahren Erfahrung im Early-Stage-Venture-Capital. Er half beim Aufbau von Cavalry Ventures als erster Mitarbeiter und wurde später Partner des Fonds. Aus rund 100 begleiteten Transaktionen und Board-Sitzen von der Seed- bis zur Series-B-Phase ist Nephilia entstanden: ein Informationsdienst, der Gründern die Investorenauswahl für ihre Finanzierungsrunde direkt im eigenen KI-Assistenten liefert. Daneben bleibt er Sparringspartner für Unternehmer.
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